Herforder Orgelgeschichte(n) Teil 5: Fragebögen (Fabian B. Brackhane)
HERFORDER ORGELGESCHICHTE(N)
TEIL 5: Fragebögen
Fabian B. Brackhane
Wissen Sie, wie viele Orgeln es heute auf dem Gebiet der Stadt Herford gibt? Mindestens 42.[1] Im Jahre 1823 waren es deren nur fünf: Nämlich in Münsterkirche, Jakobikirche, Johanniskirche, St. Johannes Baptist und der Marienkirche auf dem Stiftberg.
Über all diese Orgelstandorte und die Geschichte der jeweiligen Instrumente sind wir aus Akten unterrichtet, doch naturgemäß asynchron: Die Orgeln tauchen immer dann in den Akten auf, wenn es etwas an ihnen zu tun gibt. Und das ist und war selten zeitgleich der Fall. Anders liegt der Fall nur dann, wenn seitens einer Obrigkeit eine Erfassung aller Orgeln als Wertgegenstände oktroyiert wird.
Bekannt und berüchtigt sind diese Erfassungsmaßnahmen (und ihre Konsequenzen) aus dem 1. Weltkrieg. Weniger bekannt sind die ähnlichen Unternehmungen im Kontext des 2. Weltkriegs 1937 und 1944. Heute so gut wie unbekannt ist schließlich eine noch ältere Erfassung aus dem Jahre 1823. Allen vier Erhebungen ist gemeinsam, dass wir durch sie so etwas wie summarische Momentaufnahmen des Orgelbestandes in Herford (und anderswo) haben, die die oben beschriebene Asynchronie etwas ausgleichen.
Alle genannten Erfassungen standen zumindest mittelbar im Zusammenhang mit kriegerischen Auseinandersetzungen. Während die Erfassungsbögen 1917 und 1944 Maßnahmen der kurzfristigen Rohstoffgewinnung zur Fortführung des Krieges darstellten, handelte es sich bei den Umfragen 1823 und 1937 eher um nachträgliche Übersichtsmaßnahmen:
»Die politischen Umwälzungen des frühen 19. Jahrhunderts hatten auch Auswirkungen auf das Orgelwesen und dessen Verwaltung. Durch die Säkularisation 1803 wurden Stifte, Abteien und Klöster aufgehoben, ein Großteil der darin bestehenden Orgeln wurde entfernt bzw. [an andere Kirchen] verkauft. Nach Auflösung der französischen Besatzung 1815 musste sich auch die preußische Verwaltung neu ordnen. Der Kirchen- und Schulkommission der Königlichen Regierung in Berlin wurde dabei die Oberaufsicht über die gesamte Kirchenverwaltung übertragen.« (Isenberg 2017, S. 26)
1823 bestand also keine zentrale Übersicht (mehr) darüber, welche Orgel sich wo befand und in welchem Zustand sie war. Oder auch andersherum: In welchen Kirchen sich nun neuerdings eine Orgel befand, die ggf. zu unterhalten war. Für den preußischen Staat, der durch die Mediatisierung und Säkularisierung nun bei weitaus mehr Kirchen als früher als Baulastträger in der Verantwortung stand, galt es also, sich eine Übersicht zu verschaffen.
Allerdings beinhalten diese Fragebögen einen blinden Fleck: Die katholischen Gemeinden. Entweder hatte man sie tatsächlich nicht mit einbezogen oder die jeweiligen Unterlagen liefen auf anderen Wegen um, so dass sie heute archivalisch anders verortet sind als die Fragebögen für die evangelischen Kirchengemeinden. Jedenfalls ist St. Johannes Baptist in Herford nicht die einzige katholische Kirche, von der die Umfrage-Unterlagen aus dieser Zeit bislang nicht auffindbar sind.
Der für Herford überlieferte Fragebogen von 1823 umfasst Münsterkirche, Jakobikirche und Johanniskirche[2] und wurde jeweils durch eine kundige Person ausgefüllt. Die Informationsdichte ist hierbei heterogen: Während die Fragen für Münster- und Jakobikirche eher summarisch und nüchtern beantwortet wurden, nutzte der für die Johanniskirche zuständige Schreiber die Gelegenheit, um sein Herz über den beklagenswerten Zustand »seines« Instruments auszuschütten. Schon allein dadurch ist dieser Fragebogen ein wertvolles Zeitdokument. Leider ist die Schrift stellenweise nicht mit letzter Sicherheit zu entziffern.
[1] 29 größere, »ortsfeste« Orgeln und 13 im Grundsatz mobile Positive. Dazu kämen ggf. noch Hausorgeln, über die dem Autor jedoch keine Informationen vorliegen.
[2] Die Marienkirche fehlt in dieser Erfassung wohl, da der Stiftberg vor 1884 administrativ kein vollgültiger Teil der Herforder Kernstadt war (was sich bis heute auch in einer abweichenden Aktenüberlieferung niederschlägt).

Übrigens begegnet uns in diesem Fragebogen auch der glücklose Herforder Orgelbauer Brin(c)kmann[3]: Er wird bei allen drei Orgeln für Wartungen und kleinere Reparaturen vorgeschlagen. Ausweislich der betreffenden Akten aus den 1830er und 1840er Jahren kam er jedoch in keiner der drei Kirchen tatsächlich mit substanziellen Arbeiten zum Zuge.
Der Ausbruch des 1. Weltkrieges stellte Deutschland vor gravierende Herausforderungen: Viele der Rohstoffe, die man zur Kriegsführung benötigte, hatte man bislang aus Staaten bezogen, mit denen man sich nun im Kriegszustand befand. Eine Möglichkeit der Abhilfe sah man darin, bereits im Lande befindliche sog. »Edelrohstoffe« (bspw. Kupfer, Aluminium, Nickel und Zinn) zu beschlagnahmen.[4] Nachdem dies zunächst nur für Rohmaterialien galt, folgte 1915 auch die Enteignung fertiger Produkte, die sukzessive auf verschiedene Materialgruppen und Gegenstände ausgedehnt wurde (Abbildung 2). Mit Erlass vom 10. Januar 1917 wurden schließlich auch die Prospektpfeifen von Orgeln im Zugriffsbereich der deutschen Administration beschlagnahmt, sofern sie aus Zinn bzw. einer hochprozentigen Zinnlegierung bestanden.[5] Ausnahmen bei dieser kulturhistorisch desaströsen Maßnahme wurden nur ganz vereinzelt gemacht, im Falle eines besonders hohen Kunstwerts.[6]
[3] Vgl. Teil 1 dieser Serie im Remensnider 2/2024.
[4] Für eine detaillierte Darstellung vgl. Reichling (2019).
[5] Prospektpfeifen stellen zwar nur einen Bruchteil der Gesamtpfeifen einer Orgel dar, sind aber ihr klangliches Rückgrat. Sie bestehen oft aus Zinn; Blei, Zink, Kupfer oder Holz finden weit seltener Verwendung.
[6] Man bezog sich dabei allerdings nicht auf den Wert einer Orgel als Musikinstrument, sondern nur auf den künstlerischen Wert ihres Äußeren, des Prospekts! Das Konzept von historischen Orgeln als klanglich schützenswerten Musikinstrumenten entwickelte sich erst allmählich ab der Zwischenkriegszeit.

Zur bürokratischen Verwaltung der Enteignung wurden Formblätter ausgegeben, in denen für jede einzelne Orgel die Anzahl ihrer Prospektpfeifen sowie ihre Materialmenge einzutragen waren (Abbildung 2). In krassem Kontrast hierzu steht das beinahe gänzliche Fehlen von Dokumentationen des genauen Ablaufs der Beschlagnahmung und des Ausbaus der Pfeifen (in Herford wie an vielen anderen Orten). Man scheint diese Maßnahmen seinerzeit sehr eilig und kurzfristig durchgeführt zu haben.[7] Auch der Einbau von neuen Prospektpfeifen aus Ersatzmaterialien ist selten genau zu datieren; er erfolgte mitunter mit beträchtlichem Zeitversatz. Auf Nachkriegsfotografien der Herforder Orgeln ist jedoch unschwer erkennbar, dass sie damals alle Prospektpfeifen aus Zink besaßen, die übliche Ersatzmaßnahme nach 1917.
[7] Dies lag zweifellos auch in der Tatsache begründet, dass der Ausbau in der Regel durch Fachfirmen (also Orgelbauer) erfolgen musste, von denen jedoch die meisten selbst »im Felde standen«.

Zwei Jahrzehnte nach den Beschlagnahmungen von 1917, die in die europäische Glocken- und Orgellandschaft gewaltige und unersetzliche Lücken gerissen haben[8], ging man 1937 auf dem Gebiet der evangelischen Kirchenprovinz Westfalen daran, sich analog zu 1823 einen Gesamtüberblick zu verschaffen, »um ein klares Bild über den Bestand an Orgeln und Glocken sowie deren gegenwärtigen Zustand zu erlangen.« Auch diese Fragebögen sind für Forscher von großem Wert. Auch, weil unter Punkt 12 ausdrücklich die Aufführung der Disposition eingefordert wurde (Abbildung 3). Über eine konkrete Verwendung dieser Fragebögen ist nichts bekannt; man nahm sie wohl schlicht »zu den Akten«…
1944 – erneut »um 5 vor 12« inmitten eines eigentlich längst entschiedenen Krieges – ging man im Machtbereich des Deutschen Reichs staatlicherseits erneut daran, Glocken und Orgeln zu registrieren, um sich ihrer Materialien zu Rüstungszwecken bedienen zu können.[9] Mangel-Rohstoffe wie Zinn waren zwar schon lange vorher kontingentiert worden[10], doch nun beschlagnahmte man neben Glocken unterschiedslos »sämtliche Orgelpfeifen […] aus Blei, Zinn, Zink, Kupfer und Aluminium[11].« Zudem forderte man erneut die Angabe der »genauen Disposition«.
[8] Selbst bereits als einzigartige Meisterwerke anerkannte Instrumente wie die Schnitger-Orgel der Hamburger Jacobi-Kirche (1692) büßten damals ihre Prospektpfeifen ein.
[9] Es versteht sich von selbst, dass hierbei in den von Deutschland besetzten Gebieten – analog zu 1917 – weit weniger bürokratisch, dafür umso rücksichtsloser verfahren wurde.
[10] Bereits ab 1935 durften nur noch Pfeifen, die kleiner als 2‘ (ca. 60 cm) waren, überhaupt noch einen Zinngehalt von max. 35% besitzen; größere mussten aus Zink bzw. Blei gefertigt werden.
[11] Blei und Zink waren bei Orgelpfeifen als günstigeres Ersatzmaterial für Zinn etabliert; Kupfer und erst recht Aluminium waren immer Randerscheinungen.

Doch nachdem im März 1944 eine »gewaltige Fragebogen-Aktion« (Reichling) angelaufen war, wurde diese bereits im September wieder gestoppt. Man war sich wohl im Klaren darüber, dass es für eine solche Unternehmunge mit ihrem hohen logistischen Aufwand mittlerweile zu spät war. Für Herford liegen aus dieser Erhebung wieder einmal keinerlei Unterlagen vor. Auch das hat vermutlich kriegsbedingte Gründe: »Scheinbar ist ein Großteil der Bögen [für den Kirchenkreis Bielefeld] im September 1944 beim Versand an Kirchenmusikdirektor Gerdes, der sie zu prüfen hatte, verlorengegangen.«[12]
Literatur
Isenberg, G.: Orgellandschaft im Wandel – Die Geschichte der Orgeln in den südwestfälischen Kreisen Olpe und Siegen-Wittgenstein zwischen 1800 und 1945. (Diss. Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden), 2017.
Reichling, A. & M.: Die Requirierung der Orgel-Prospektpfeifen in Deutschland während des ersten Weltkrieges, in: Acta Organologica 36, 2019, S. 221–400.
[12] Freundliche Mitteilung Fabian le Blond, LkA Bielefeld.
Anhang: Der Fragebogen von 1823 im Wortlaut[13]
Name der Kirche:Herford Münster Kirche
Wie viel Claviaturen die Orgel hat: Zwey Claviaturen und Pedal.
Wie viel Register die Orgel hat: Im Manual[14] 14 Register, Rückpositiv 12 R., Pedal 8 R., 3 Cimbelsterne u. 1 Ventil Register
In welchem Zustand die Orgel ist:Diese schöne Orgel bedarf einer gründlichen Reinigung u. Reparatur, indem manche Register fast unbrauchbar sind.
Was die Reparatur und Revision von 1818–1822 in summa und ohngefähr gekostet: (Keine Eintragung)
Wer die Stimmung besorgt, wer die Reparatur, wer die Revision, wie man mit der Reparatur zufrieden ist:Die erforderliche Reinigung u. Reparatur der Orgel wäre dem Orgelbauer H. Brinckmann u. zwar mit Zuziehung des Predigers u. des Organisten zu übertragen.
Gutachten Wünsche und Vorschläge, besonders wie und durch welchen Kunstverständigen die Orgel am zweckmäßigsten erhalten werde können: Bey der erforderlichen Reinigung u. Reparatur der Orgel muß selbige in den Stand gesetzt werden, daß in mehreren Jahren keine erforderliche Reparatur nothwendig seyn wird. Zur Aufsicht aber, daß wenn nun bedeutende Fehler entstehen, die gleich mit wenigen Kosten verbeßert werden können, wird sich H. Brinckmann für eine jährlich (?) unbedeutende Renovation gewiß verstehen.
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Name der Kirche:Herford Neustädter Kirche Johannis & Dionysii
Wie viel Claviaturen die Orgel hatZwey Claviaturen 1 für freies Pedal mit 8 Registern. 2) Manual hat 9 Register. Das Pedal und Manual hat Springladen. 3) Brustpositiv hat 8 Register und ist Schleifenwerk. 4) Das Werk hat 4 Blasbälge welche ich schon oft geflickt habe.
Wie viel Register die Orgel hat: Pedal 1) Praestant 16 Fuß 2) Posaune 16 Fuß 3) Trompet 8 Fuß 4) Cornet 2 Fuß 5) Mixtur 5 Fach 6) Octav 4 F 7) Violon 8 Fuß 8) Flöte 2 Fuß. Manual hat 9 Register. 1) Praestant 8F 2) Bourdon 16 F 3) Octav 4 Fuß 4) Quinte 6 Fuß 5) Rohrflöt 8 Fuß 6) Mixtur 5 Fach 7) Sexquialter 8) Cimbel 9) Trompet 8 Fuß. Positiv hat 6 Register. 1) Krummhorn 2) Flöttraveur 3) Violin 4) Gedact 5) Praestant 6) Mixtur 3 Fach.
In welchem Zustand die Orgel ist:In einem schlechten Zustand und bedarf einer Haupt-Reparatur, weil in 55 Jahren kein Orgelbauer dabey gewesen ist.[15] Im Pedal sind die Register alle abgerißen und lassen wegen der dünnen Wellen sich nicht beßern. Aus dem Pedalthurm sind 4 große Pfeifen heruntergestürzt und unbrauchbar geworden. Die Posaunen Pfeifen die auf die Knie sitzen ... habe ich wieder gebeßert. So viel als in meiner Einsicht und in meinen Kräften stand habe ich die kleinen Fehler gebeßert und nach bis jetzt so einigermaßen erhalten.
Was die Reparatur und Revision von 1818–1822 in summa und ohngefähr gekostet:Seit 55 Jahren ist keine Reparatur bey der Orgel vorgenommen von einem Orgelbauer als das was ich selbst bessern konnte welches H. Prediger Heidsiek bekräftigen werden.
Wer die Stimmung besorgt, wer die Reparatur, wer die Revision, wie man mit der Reparatur zufrieden ist:Die Stimmung des Rohrwerks welches alle 8 Tage geschieht, habe ich bisher besorgt, auch ... ... Werk wo ich bei kommen konnte. Mein Alter erlaubt es mir jetzt nicht mehr gefährlich zu steigen. Es ist jetzt hier ein Orgelbauer wohnhaft.
Gutachten Wünsche und Vorschläge, besonders wie und durch welchen Kunstverständigen der Orgel am zweckmäßigsten erhalten wird können: Ich wünsche recht herzlich, daß die Orgel möchte bald möglichst repariert werden. Die Kirchen Regierung wird es aber nicht unternehmen können weil sie keine Einnahmen darauf hat. Schon vor 8 Jahren habe ich einen geschickten Orgelbauer für mich ersucht einen Anschlag von der ganzen Orgel zu machen, der kam auf 600 rT. Seitdem aber haben die Fehler nicht ab sondern zugenommen. Gleich am Anfang bey Verlegung der Orgel zeigte es sich, daß die Mechanik schlecht angelegt und gemacht war.
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Name der Kirche:Herford Radewiger Kirche
Wie viel Claviaturen die Orgel hat:Zwey und Pedal
Wie viel Register die Orgel hat: Manual 12, Positiv 6, Pedal 5.
In welchem Zustand die Orgel ist: In gutem Zustande[16] und wäre zu wünschen, daß dem hier wohnenden Orgelbauer Brinckmann aus der Kirchenrechnung ein jährliches Gehalt für die Aufsicht ... würde, dann würden keine großen Reparaturen stattfinden [müssen].
Was die Reparatur und Revision von 1818–1822 in summa und ohngefähr gekostet:Circa 15 rT.
Wer die Stimmung besorgt, wer die Reparatur, wer die Revision, wie man mit der Reparatur zufrieden ist:ad 1 Der jetzige Organist. ad 2 der gedachte Orgelbauer Brinckmann womit man gut zufrieden ist.
Gutachten Wünsche und Vorschläge, besonders wie und durch welchen Kunstverständigen der Orgel am zweckmäßigsten erhalten wird können:Wenn sie ein Sachverständiger unter Aufsicht hat, welcher kleine Fehler so gleich abändern kann.
[13] Die ursprüngliche Auflistung erfolgte in Form einer Tabelle (Fragen in Spalten, Kirchen in Zeilen), die hier aus Gründen der Übersichtlichkeit aufgelöst wurde.
[14] In heutiger Terminologie das Hauptwerk.
[15] Die Orgel war 1772 grundlegend umgebaut und erneuert worden.
[16] Die Orgel war 1801 grundlegend repariert worden.