Herforder Orgelgeschichte(n) Teil 4: Schein und Sein (Fabian B. Brackhane)

HERFORDER ORGELGESCHICHTE(N)
TEIL 4: Schein und Sein

Fabian B. Brackhane

Im ersten Teil unserer Serie hatten wir erwähnt, dass es unter den Herforder Orgeln heute keinen nennenswerten historischen Bestand mehr gibt und dass die auf das Jahr 1908 zurückgehende (mittlerweile mehrfach umgebaute, stark veränderte) Orgel im Königin-Mathilde-Gymnasium die älteste Orgel Herfords ist. Manch einer wird sich beim Lesen gewundert haben: Sind nicht die Orgel in der Jakobikirche und die Chororgel der Münsterkirche älter? Die Antwort ist: Jein.  

Beide genannten Orgeln scheinen auf den ersten Blick ein relativ hohes Alter zu haben: Die Chororgel bzw. »Zuberbier/Ott-Orgel« der Münsterkirche deutet mit ihrem Äußeren stilistisch ins 18. Jahrhundert, die Orgel der Jakobikirche sogar ins 17. Jahrhundert. Und doch handelt es sich bei beiden Orgeln de facto um moderne Instrumente. Wie kann das sein? 

Der erste Teil der Antwort liegt in der Tatsache begründet, dass bei Orgeln Inneres und Äußeres – Gehäuse und eigentliches Instrument – nicht zwingend zusammengehören müssen. Bereits seit dem Mittelalter verwandte man bisweilen einen immensen Aufwand (auch finanziell) auf die äußere Gestalt einer Orgel. Es konnte vorkommen, dass diese Schauseite, der sog. Prospekt, ähnlich viel kostete wie sein Innenleben, die eigentliche Orgel. 

Derartig kostbare Prospekte wurden bei späteren Um- oder Neubauten der Orgel oft weiterverwendet (Abbildung 1). Daher lässt sich von ihnen nur bedingt auf das Alter des »Innenlebens« schließen. Dass schon bestehende Orgeln nachträglich mit einem neuen Prospekt ausgestattet wurden (wie 1960/61 in der Münsterkirche geschehen, vgl. Teil 2 dieser Serie), hat absoluten Seltenheitswert.

Der zweite Teil der Antwort hat mit der ästhetischen Epoche zu tun, in der die beiden uns beschäftigenden Herforder Orgeln entstanden, der sogenannten Orgelbewegung: Ab etwa 1910 (und bis in die 1970er hinein) entdeckte man die polyphone, vermeintlich »objektive« Musik des Barockzeitalters neu und distanzierte sich von den schwelgerischen Klangmassen der (Spät-)Romantik. Dies galt im Bereich der Orgelmusik noch wesentlich konsequenter (radikaler) als im Bereich der Orchestermusik.[1] In diesem Zusammenhang erwachte auch ein Interesse an noch erhaltenen Orgeln des 17. und 18. Jahrhunderts, weshalb man sich um die Restaurierung dieser barocken Orgeln bemühte, die im Laufe der Zeit durchweg mehr oder weniger stark dem veränderten Zeitgeschmack angepasst worden waren.

»Restaurierung« meinte hierbei jedoch nicht das, was wir heute unter diesem Begriff verstehen, eine behutsame Zurückführung auf einen beweisbaren historischen Vorzustand unter möglichster Schonung der vorhandenen Originalsubstanz. Stattdessen zielte man auf eine Vollendung ab, wie sie Viollet-le-Duc (1814–1879) für Architekturdenkmale postuliert hatte: »Ein Monument zu restaurieren bedeutet nicht, es zu unterhalten, zu reparieren oder zu erneuern, sondern den vollendeten Zustand herbeizuführen, der so vielleicht niemals existiert hat.«

Die Restaurierung einer historischen Orgel im Sinne der Orgelbewegung meinte demnach einen Umbau der bestehenden Substanz auf einen postulierten Idealzustand hin. Der möglicherweise noch recht gut erkennbare tatsächliche Originalzustand wurde oftmals als zeitbedingte und technologisch mangelhafte Notlösung betrachtet, die es nun mit modernen Mitteln zu »verbessern« galt. 

Vor diesem Hintergrund wurden auch die jüngsten Maßnahmen an beiden uns hier beschäftigenden Orgeln als »Restaurierungen« bzw. »Rekonstruktionen« bezeichnet (und verstanden), während wir diese Maßnahmen heute eher als Neubauten unter Einbeziehung von Originalsubstanz bezeichnen würden. Wobei diese Originalsubstanz in beiden Fällen marginal ist.


[1] Wir sind dem späteren Widerwillen gegen die Orgeln des späten 19. Jahrhunderts im Teil 2 unserer Serie kurz begegnet.

Die heutige Chororgel der Münsterkirche (nach ihren Erbauern auch 
»Zuberbier/Ott-Orgel« genannt[2]) geht auf ein kleines Instrument zurück, das Johann Andreas Zuberbier (1725–1785) im Jahre 1765 für die Kirche in Friedewalde (Petershagen) erbaut hatte. Ähnlich wie die Herforder Orgelbauerfamilie Klausing (vgl. Folge 1 dieser Serie) baute Zuberbier eher kleine, mehr oder weniger standardisierte Instrumente. Schwesterinstrument der in Herford befindlichen Orgel stehen heute noch in Veltheim und Ovenstädt (Abbildung 2 links). 

Im Jahre 1853 kam die Orgel aus Friedewalde nach Südhemmern, wo sie um 1866 durch den Herforder Orgelbauer Friedrich Meyer klanglich umgestaltet wurde. Im Laufe des 20. Jahrhunderts verkam die Orgel dann zunehmend und fiel wohl auch dem Vandalismus anheim. Als der Herforder Münsterkantor Arno Schönstedt das Instrument 1948 entdeckte[3], war es ein unspielbarer Trümmer­haufen. Schönstedt vermittelte einen Ankauf durch die Münsterkirchengemeinde und gewann einen der seinerzeit für solche Aufgaben renommiertesten Orgelbauer dafür, die Orgel wieder zum Leben zu erwecken: Paul Ott (1903–1991). 

Dessen Wirken als Restaurator von historischen Orgeln (historisch i. S. v. »Orgeln, die vor 1800 erbaut wurden«) sehen wir heute rückblickend durchaus kritisch: Ott hatte als Exponent der Orgelbewegung sehr klare Vorstellungen davon, wie eine Barockorgel zu sein habe und nahm bei seinen »Restaurierungen« kaum je Rücksicht auf mögliche Individuallösungen bestimmter Orgelbauer. Stattdessen machte er bei seiner Arbeit nicht nur spätere Veränderungen rückgängig, sondern veränderte oder beseitigte oft auch unstrittige Originalsubstanz, wenn sie nicht seinen Idealvorstellungen entsprach.[4] 

Im Falle der Orgel aus Südhemmern konstatierte Ott, das gesamte Pfeifenwerk sei so massiv beschädigt, dass es nicht mehr wiederhergestellt werden könne.[5] Sämtliches Pfeifenwerk wurde daher neu angefertigt, allerdings vorgeblich exakt nach den Maßen des alten. Auch die gesamte Mechanik war ruinös und musste neu hergestellt werden. Ebenso verhielt es sich mit der unteren Hälfte des Gehäuses, das neu gefertigt wurde.[6] Was an »Altsubstanz« damit noch übrig blieb, waren die Windlade (das technische Herzstück der Orgel) und das Oberteil des Gehäuses. Dessen ornamentaler Schmuck, die sog. »Schleierbretter«, fehlten jedoch weitgehend und konnten erst in den späten 1990er Jahren rekonstruiert werden. 

Auch bei den Prospektpfeifen setzte sich Ott über historische Fakten hinweg: Obwohl bei beiden Schwesterinstrumenten die großen Prospektpfeifen sog. Rundlabien besitzen und auch die kleinen Prospektpfeifen in den Flachfeldern einen V-förmigen Labienverlauf zeigen, konzipierte Ott in Herford die neuen Prospektpfeifen mit sog. Spitzlabien bzw. einem horizontalen Labienverlauf und verlieh dem Prospekt damit ein wesentlich herberes Erscheinungsbild (Abbildung 2 rechts). 

Im Rahmen der Wiederherstellung unterzog Ott das Instrument auch einer beträchtlichen Vergrößerung: Hatte es sich ursprünglich um ein einmanualiges Instrument mit 9 Stimmen und ohne ein selbstständiges Pedal gehandelt, besitzt es seit 1953 eine »sinngemäß erweiterte« (Schönstedt) Disposition mit 19 Registern auf zwei Manualen und selbstständigem Pedal. Auch diese Vergrößerung war der von Motivation getragen, ein »richtiges« Barockinstrument zu erhalten.


[2] Zeitweilig wurde sie auch »Schütz-Orgel« nach dem barocken Komponisten Heinrich Schütz genannt.

[3] Diese Entdeckung steht fraglos im Zusammenhang mit dem verfahrenen Orgelneubau nach 1945 und den damit zusammenhängenden Überlegungen über eine (Zweit-)Orgel, entweder auf der Schlafhausempore oder in der wiederentdeckten sog. Äbtissinnenloge; vgl. Teil 2 dieser Serie.

[4] So erhielt beispielsweise die Bielfeldt-Orgel (1736) von St. Wilhaldi in Stade anlässlich ihrer Restaurierung durch Ott ein Rückpositiv, weil eine »richtige« Orgel dieser Epoche nach seiner Sichtweise zwingend ein solches Teilwerk besessen haben musste. Es ist jedoch klar belegt, dass dieses Instrument zuvor nie ein Rückpositiv besessen hatte.

[5] Auch, wenn man von »typischen Vandalismusschäden« ausgeht, ist aus heutiger Perspektive ein gewisser Zweifel an der Absolutheit dieser Aussage angebracht. Orgelpfeifen lassen sich selbst in sehr malträtiertem Zustand oft (mit einem gewissen Aufwand) wiederherstellen.

[6] Ein Vergleich mit dem Schwesterinstrument im Ovenstädt zeigt, dass diese Orgeln meist in der Flucht der Emporenbrüstung standen, also einen Unterbau wie heute in Herford zu sehen, gar nicht haben konnten.

Im Falle der Jakobiorgel liegen die Dinge ein wenig anders, aber mit einem recht ähnlichen Endergebnis: Mit Ausnahme der am Prospekt sichtbaren ornamentalen Bildhauerei handelt es sich im Grundsatz um ein vollständig neues Instrument. Tatsächlich war 1972, als es zum Orgelneubau kam, auch schwerlich noch klingende historische Substanz vorhanden: Die Orgel, auf die der heute noch vorhandene ornamentale Schmuck zurückgeht, war vermutlich 1676[7] erbaut und zwischen 1863 und 1931 mehrfach grundlegend erneuert worden. Als man das Instrument 1863 von seinem traditionellen Standort auf einer Prieche zwischen Kirchenschiff und Chorraum auf die neu erbaute Westempore verlegte, erweiterte man das alte Gehäuse »durch Anbringung der jetzt [noch] fehlenden […] zwei Seitenthürme von 5 Fuß Breite in gleichem Styl« (zit. n. Blindow 2010, S. 15; vgl. Abb. Abbildung 3). Zugleich wurde das bis dahin bunt gefasste Gehäuse nach der Mode der Zeit wie die ganze übrige Ausstattung der Kirche in einem dunklen Holzton lasiert. 1909 und 1931 kam es jeweils zu klanglichen und technischen Umgestaltungen, die jedoch das Äußere kaum betrafen. 

1972 schließlich war die Orgel sowohl technisch verschlissen als auch klangästhetisch veraltet. Im Rahmen des lange geplanten Orgelneubaus beabsichtigte man unter der Ägide des damals für Westfalen prägenden Organologen Rudolf Reuter (1920–1983)[8]auch eine »Rekonstruktion« des Prospektes. Das heute zu sehende Resultat hat allerdings mit der tatsächlichen Ursprungsgestalt der Orgel – auf die wir mangels Abbildungen nur indirekt schließen können – nur relativ wenig zu tun. Die ursprüngliche Orgel war kleiner und hatte wahrscheinlich ein typisch westfälisches Prospekt-Schema. Heute folgt der Prospekt in seiner Formensprache insgesamt jedoch mehr dem Idealbild des Werkschemas einer »typischen« Barockorgel norddeutscher Fasson. Beispielsweise zeigt der heutige Prospekt nach wie vor Pedaltürme (wie schon seit 1863 – damals ein seltsamer Anachronismus). Diese entsprechen zwar den traditionellen Formen bei größeren norddeutschen Orgeln des 17. und 18. Jahrhunderts, nicht jedoch denen einer eher kleinen westfälischen Orgel, wie es das Instrument der Jakobikirche war.

Auch die Anordnung der einzelnen Pfeifenfelder wurde grundlegend verändert: Zwischen den größeren runden Pfeifentürmen befinden sich nun kleine Spitztürme statt Flachfelder wie bei Meyer (der hierbei wohl den historischen Bestand bewahrt hatte). Hinzu kommt, dass das heutige Instrument die Klaviaturen an seiner Vorderseite hat. Die historische Orgel jedoch wurde – weil sie frei auf einer Prieche stand – von ihrer Rückseite aus gespielt. 


[7] Evtl. bereits 1638. Der Erbauer ist bislang unbekannt; naheliegend wäre ein Mitglied der regional damals prägenden Orgelbauerfamilie Bader.

[8] U. a. Begründer des Orgelmuseums Borgentreich.

Auch hier haben wir es also mit einer nachträglichen »Verbesserung« des Originalzustands zu tun. Festzustellen bleibt jedoch, dass sich der heutige Prospekt – wieder farbig gefasst – sehr harmonisch in das übrige Interieur der Jakobikirche einfügt und für alle historischen Ornament-Fragmente eine schlüssige Position findet (Abbildung 4).   

 

Literatur

Blindow, M.: Die Lettnerorgel der Radewiger Kirche in Herford, in: Ars Organi 58, 2010, S. 13–17.

Ludorff, Albert: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Herford. Jellinghaus, 1908, Tafel 47.

Reuter, R.: Orgeln in Westfalen, Kassel: Bärenreiter 1965.