Der verborgene Schatz des Herforder Gymnasium Friedericianum (Daniel Teubner, 2026)

Der verborgene Schatz des Herforder Gymnasium Friedericianum
Die historische Lehrerbibliothek, ihre Einlagerung und Überlegungen zur Zukunft

Daniel Teubner

Herford im Jahr 1540. Die verbliebenen Augustiner-Brüder lösen ihr Kloster an der heutigen Herforder Brüderstraße auf. Sie übertragen ihren Besitz den Ratsherren der Stadt Herford zur Stiftung einer Lateinschule. Neben den Immobilien und dem Grundstück umfasst die Stiftung auch eine Bibliothek mit 464 Bänden. In der mittelniederdeutschen Urkunde heißt es im §7: »Wy wyllen ock vnd bydden dat men die Liberie nich late vorfallen, sunder myt allen Flite eyn Upseynt hebbe, dat de erholden vnd gebettert werde. «  In der Übersetzung von Baldzuhn (2010): »Wir verlangen auch und bitten, die Bibliothek nicht verfallen zu lassen, sondern mit allem Fleiß sich um sie zu kümmern, damit sie erhalten und ausgebaut werde.« Der Vertrag sieht also vor, dass die Bibliothek bewahrt werden solle. Seitdem sind beinahe 500 Jahre vergangen. Wir wollen der Frage nachgehen, wie sich die Bibliothek im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat und heute aussieht. Dazu unternehmen wir einen Streifzug durch ihre Geschichte und ihren Bestand, ehe sich ein Ausblick auf die aktuelle Diskussion anschließt. Der Artikel basiert auf einem Vortrag, den ich am 19.09.2025 anlässlich der Tagung » Historische Schulbibliotheken im Dialog zwischen Bibliotheken, Schulen und Forschung« an der Franckeschen Stiftung Halle/Saale gehalten habe.

Wir schreiben das Jahr 1736. Johann Heinrich Volmar leitet seit vier Jahren das Gymnasium in Herford. Er wurde am 19.10.1701 in Berlin geboren und lehrte am von August Hermann Francke gegründeten Pädagogium in Halle an der Saale.  Von dieser Institution wurde Johann Heinrich Volmar zum 01.05.1732 an das Gymnasium in Herford als Rektor berufen. Er legt in diesem Jahr einen ersten Katalog der Bibliothek an und ordnet die Titel nach Formaten in Folio, Quart-, Oktav-, und Duodez. Dabei nutze er ein Büchlein, dass für zahlreiche zukünftige Neuzugänge Platz ließ. Nach der Beschreibung Baldzuhns ist es aufwendig hergestellt und qualitativ hochwertig. Nachdem Direktor Volmar 1738 zum Prediger gewählt worden war und die Schule verlassen hatte,  wurde das Verzeichnis bis mindestens 1790 weitergeführt.  Leider verschwinden in dieser Zeit mehr Bücher als neu hinzukommen. Von den 464 Bänden der Augustiner-Brüder lassen sich nur noch sechs nachweisen. Holtschmidt erwähnt, dass der Großteil bereits in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges verschwunden sei. 

Im Jahr 1766 gibt sich die Lateinschule auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Ernst Philipp Rischmüller zu Ehren Friedrich des Großen ohne belegte Billigung des Monarchen den Namen Fridericianum. Ist es zur Zeit Volmars noch die eigene persönliche Initiative, die zur Erweiterung des Buchbestandes führt; so gründet Direktor Benzler in den 1780er Jahren ein schulisch organisiertes Engagement für die Ausweitung der Bibliothek. Persönlich war er »rastlos […] bemüht, der Bibliothek des Gymnasiums neue Mittel zuzuführen.«  Dazu gehören neben finanziellen Zuschüssen auch Sachspenden. Durch Schenkungen und gezielte Ankäufe sammeln sich weiter Bücher an, die nicht nur den Lehrern, sondern auch einer interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Einige Mitglieder dieser interessierten Öffentlichkeit gründen 1831 den Herforder Lesezirkel, der sich Anfang des 20. Jhdts. auflöst und seinen Bestand der Bibliothek hinterlässt. Erstmalig war ein institutionalisiertes Interesse für die Bibliothek entstanden und der Direktor Ernst Knefel – er kam 1807 ins Amt – organisierte von der Stadt einen jährlichen Zuschuss und trieb allerhand Spenden und Sponsoren auf, darunter den von ihm mitgegründeten Lesezirkel.  Ihm gelingt es neben der Ausweitung des Buchbestandes besonders in handlicheren, für den Unterricht brauchbareren Buchformaten, eine Schülerbibliothek am 01.01.1826 mit einem Anfangsbestand von 240 Titeln zu eröffnen, nachdem das Ministerium für öffentlichen Unterricht das Verleihen von Schulbüchern untersagt hatte.  1824 umfasst die Bibliothek 700 Bände, 1825 bereits gut 800, berichtet Holtschmidt.  Auch der Bestand der Schülerbibliothek wächst innerhalb eines Jahres auf 330 Bände an. Neben den externen Geldquellen wurde von den Schülern ein Obolus erhoben, um Mittel für den Ankauf neuer Bücher zu generieren.

Beim Bau des neoklassizistischen Hauptgebäudes 1869 erhält die Bibliothek einen ersten Raum. Bei Planung und Bau der Sporthalle mit Physikraum und -Sammlung sowie dem Zeichensaal wurde eine deutlich größere Bibliothek eingebaut. Die Anzahl der Bücher vermehrte sich seit Beginn des 19. Jhdt. ständig. Die Bibliothek wurde dabei immer durch das Engagement des Lehrerkollegiums gepflegt. Die Schulprogramme des 19 Jhdts., die seit Corona zahlreich digitalisiert wurden und so u.a. über die Internetseite der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf abrufbar sind, schlüsseln die Erweiterungen der Gymnasialbibliothek (I) nach a) Geschenke, b) durch Kauf, (II) die der Schülerbibliothek, (III) die der Unterstützungsbibliothek und (IV) die der Münzsammlung, deren Verbleib temporär nicht geklärt werden konnte, auf. Beispielsweise ist dem Schulprogamm von 1885 eine stattliche Anzahl von 20 verschiedenen Spendern für die Gymnasialbibliothek zu entnehmen.

Besondere Erwähnung verdient Direktor Theodor Denecke, der die Schule von 1914 bis 1946 leitete und damit über beide Weltkriege Schulleiter war.  Er evakuiert die Bücher 1942 in eine Schule an der Elverdisser Straße am Rande des Stadtgebietes und somit außerhalb des gefährdeten Ballungsraumes. Das Friedrichs-Gymnasium befindet sich bis dato mitten in der Innenstadt. Von der Grundschule aus werden die in Kisten verpackten Bücher in die in der Grünen Straße 146 gelegene Möbelfabrik Stranghöner transportiert, von wo sie 1947 wieder zum Friedrichs-Gymnasium gebracht wurden.

Das Schulgebäude war am 03.03.1945 von Bomben getroffen worden, konnte aber recht schnell wieder hergestellt werden. Der Bibliotheksraum im Nebengebäude hatte soweit bekannt keinen Schaden erlitten. Dagegen war das Hauptgebäude an der hinteren Ecke in Richtung Schulhof getroffen worden. Ohne die Evakuierung wären mindestens Teile der Sammlung verloren gegangen.

Theodor Denecke selbst musste nach einem Angriff aus den Trümmern seiner Direktorenvilla geborgen werden. Nach seiner Pensionierung 1946 stellte er sich zur Verfügung, die Bücher an die Schule zurückzuholen und wieder aufzustellen. Mit Hilfe von Schülern und engagierten Kollegen, entstand ein lange fortgeführter Zettelkatalog, der bis heute der maßgebliche Katalog der Sammlung ist. Belegt sind insgesamt fünf Verzeichnisse: Das erste aus dem Jahr 1540, heute leider verloren. Das oben erwähnte Verzeichnis von 1736 mit zwei Revisionen. Ein drittes von Knefel 1825 erstellt. Ein nach Aussage Holtschmidts  1837 vom Konrektor Werther erstellter Katalog und ein dreiteilig gedruckter Katalog aus den Jahren 1901–1908, erstellt von Professor Fellinger. Darüber hinaus ist die Bibliothek in den Verbundkatalog zur Fernleihe integriert und trägt die Sigle Hef 1. 

Noch bis Anfang der 2000er Jahre kommen größtenteils aus Nachlässen, Schenkungen der Abiturientia und pensionierter Lehrer noch neue Bücher hinzu. Der Bestand vor dem Zweiten Weltkrieg ist aber kaum nennenswert vergrößert worden. Bücher aus der NS-Zeit sind nur sehr selten erhalten und deuten auf eine Bestandsbereinigung nach 1945.

Im Neubau des FGH erhielten die Bücher einen gut gesicherten Kellerraum, in dem die klimatischen Bedingungen für die Unterbringung der kostbaren Bestände nicht zufriedenstellend waren. Eine gelernte Bibliothekarin widmete sich viele Jahre ehrenamtlich den Belangen der Bibliothek. Sie musste 2015 feststellen, dass die Bücher erneut Schimmel angesetzt hatten. Daraufhin wurden die Bücher in Münster professionell gereinigt und sind seither in gut 1.000 Archivkartons in der Bunkeranlage eines ehemaligen Herforder Verwaltungsgebäudes untergebracht. Die Lagerung dort entspricht den Anforderungen an Sicherheit, Hochwasserschutz und klimatischen Bedingungen, während hingegen eine Rückkehr in das Untergeschoss des FGH auf Grund sich häufender hoher Pegel der in Sichtweite verlaufenden Werre ausgeschlossen ist. 

Die Stadtverwaltung beauftragte den damaligen Dezernenten für Historische Bestände der Universitäts- und Landesbibliothek Münster mit der Erstellung eines Gutachtens. Zunächst sichtete Reinhard Feldmann die Bestände und begann die Arbeit, die sein Nachfolger Dr. Henning Dreyling 2023 mit einem Gutachten abschloss. Es sieht vor, die Sammlung zu verschlanken. Es muss dazu gesagt werden, dass neben den gut 10.000 im Katalog verzeichneten Titeln vor und während der Ausräumaktion zahlreiche weitere Schulbücher jüngeren Datums den Weg in die Sammlung gefunden haben und nun wieder auszusondern sind. Dreylings Gutachten empfiehlt die Unterbringung in Herford. 

Es ist an der Zeit, den Schatz zu bergen!

Dabei bieten sich im Rahmen der anstehenden Erschließung Digitalisierungen an, die man bspw. mit KEK-geförderten Projekten durchführt. Dies gilt besonders für die beiden Inkunabeln in fünf Bänden mit Texten von Augustinus und Nikolaus von Lyra. Sie sind zwischen 1733 und 1736 zu Zeiten Johann Heinrich Volmars aus der Bibliothek der sich auflösenden Fraterherren am Holland in Herford an die Schule gekommen und stammen nicht aus dem Besitz der Augustiner-Brüder.  Sie sind Inbegriff europäischer Geistesgeschichte; Augustinus gilt als einer der Kirchenväter; Nikolaus von Lyra war Franzisker und hat einen Bibelkommentar verfasst – eines der noch existierenden Exemplare von 1487 findet sich in Herford.

Anders als die denkmalwerte Bibliothek des Bielefelder Ratsgymnasiums, die sieben mittelalterliche Handschriften beherbergt, besitzt das Friedrichs-Gymnasium nach jetzigem Kenntnisstand keine Manuskripte. Jedoch sind Einband-Makulaturen belegt, die ältere Pergamenthandschriften nutzen.  Diese Beispiele zeigen, dass die Aufarbeitung und Sichtung des Bestandes dringend notwendig sind. Ebenso sind Provenienzen, Vermerke früherer Besitzer, bisher nicht erforscht. Zufälligerweise entdeckte Johannes Maximilian Nießen in einem prächtigen Cicero-Band im Folioformat aus dem Jahr 1541 in der Bibliothek des Kaiser-Karls-Gymnasium Aachen einen Vermerk, der als ersten Besitzer Johannes Vildhut aus Herford vermerkt, dessen Vater laut Lehnsregister der Abtei Herford 1518 mit einem großen Haus belehnt worden sei. Er selbst konnte laut einer Urkunde der Fürstabtei vom 31.01.1553 einer Dame eine Rente von 10 Goldgulden zahlen. Dementsprechend ist die bei Nießen (2025) ausführlich beschriebene Ausgabe hochwertig hergestellt. Durch solche Recherchen erhalten wir ein tieferes Verständnis von Personen, ihren Lebensumständen, Bildungswesen und dem gesellschaftlichen Leben.

Wagen wir noch einen Blick auf das AFaM. Die Fürstäbtissinnen verfügten selbstverständlich über Bücher. So war Elisabeth von der Pfalz mit René Descartes befreundet, mit dem sie in einem regelmäßigen Briefwechsel konferierte. Bei Ermöglichung des Zugriffs auf die Bibliothek ließe sich erforschen, inwieweit in der 262-jährigen Koexistenz von Reichsstift und Friedrichs-Gymnasium, bis 1766 bekanntlich ohne diesen Namen, Exemplare gewandert sind. Die Bibliothek des Friedrichs-Gymnasiums enthält in jedem Fall Bücher von Anna Maria von Schürmann.  Sie war eine der gelehrtesten Personen ihrer Zeit, sprach wohl mehr als zehn Sprachen, darunter neben den drei klassischen alten Sprachen auch Persisch, Äthiopisch und Arabisch. Sie war ebenfalls Brieffreundin der Fürstäbtissin und besuchte 1670 das Reichsstift in Herford.  Hier drängt es sich auf, die Synergien zu nutzen.

 

Damit der Schatz geborgen werden kann, bedarf es nicht nur der Bemühungen von unterschiedlichen Seiten, sondern auch Fördergelder, Spenden und Sponsoren. Doch es lohnt sich für den Erhalt der Bibliothek in Herford zu kämpfen. Die Bücher sind unsere Geschichte, Zeugnis 450jährigen Lebens- und Lernens in der Hansestadt und ihren Institutionen, sie wurden von Herforder für Herforder gesammelt und bewahren das Wissen über Kultur, Sprachen, Geschichte, Naturwissenschaft und Gesellschaft. Sie repräsentieren unsere Werte und unsere Wurzeln. Die Bibliothek ist ein noch verborgener Schatz, den Herford beschützen sollte.

Literatur

Baldzuhn, Michael: Das älteste Bücherverzeichnis der Schulbibliothek des Friedrich-Gymnasiums von 1736 und ein bisher unbekannter Katalog von 1825, in: Historisches Jahrbuch für den Kreis Herford 2010, Bielefeld 2009, 228–255.

Denecke, Theodor: Stiftungsurkunde der Schule aus dem Jahre 1540 (Auszug), übersetzt von Th. Denecke, in: In alter Gebundenheit zu neuer Freiheit. 425 Jahre Gymnasium Fridericianum zu Herford, Herford 1965, 1–6.

Dreyling, Henning: Historische Bibliothek des Friedrichs-Gymnasiums in Herford. Neukonzeption und Neuaufstellung - Überlegungen und Empfehlungen, Münster 2023.

Fellinger, Heinrich: Katalog der Lehrer Bibliothek des Friedrichs Gymnasiums zu Herford. Teil 1–3. Programm, Herford 1901, 1903, 1908.

Francke, August Ludwig: Geschichte des Friedrichs Gymnasiums zu Herford, verfaßt bei Gelegenheit der dritten Säkularfeier der Stiftung des Gymnasiums am 7. Juli 1840. Herford 1840. 

Holtschmidt, Wilhelm: Geschichte der Schule 1540–1840. In: In alter Gebundenheit zu neuer Freiheit. 425 Jahre Gymnasium Fridericianum zu Herford, Herford 1965, S. 7–87.

Kaleschke, Christoph/Kroeger, Martin/Wurm, Alexander: Das Friedrichs-Gymnasium in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 bis 1945, in: Festschrift: Friedrichs-Gymnasium Herford 450 Jahre, Herford 1990, 67–93.

Knefel, Konrad Ernst: Geschichte des Friedrichs Gymnasiums in Herford, als Einladung zu der am 1sten November ... veranstalteten Feierlichkeit. Herford 1817. 

Mölleken, Wolfgang: Kurze Einführung in die Geschichte der Gymnasialbibliothek bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Herford 1965. 

Niessen, Johannes Maximilian: Ein „Hypertext“ von 1541 vom Kaiser-Karls-Gymnasium. Eine Aldus-Ausgabe mit beeindruckendem Einband, interessanten Provenienzen und mittelalterlichen Makulaturen, in Verein zur Förderung der lateinischen Sprache in Schule und Öffentlichkeit (Hg.): Pro lingua Latina 26, Frühjahr 2025, 57–68.