Herforder Orgelgeschichte(n) Teil 3: Ein Geschwisterpaar schreibt Orgelgeschichte (Fabian B. Brackhane)
HERFORDER ORGELGESCHICHTE(N)
TEIL 3: Ein Geschwisterpaar schreibt Orgelgeschichteie
Fabian B. Brackhane
Das Kulturleben einer Stadt wird einerseits getragen von Institutionen. Andererseits sind es aber immer einzelne Menschen, die sich mit ihrem Engagement und ihren Ideen in eben diesen Institutionen einbringen.
Um zwei solche Menschen soll es in dieser Folge gehen: Um die Geschwister Charlotte und Ehrhard Brand. Ihre Namen dürften heute nur noch einem sehr kleinen Kreis »Eingeweihter« bekannt sein, doch haben beide bis heute Spuren in der jüngeren Herforder Kulturgeschichte hinterlassen und besonders in der Historie von zwei Herforder Orgeln. Die Datenlage hierzu ist allerdings einigermaßen dürftig: Außer Unterlagen des Archivs der Stiftung Familie Alfred Brand standen nur Archivalien der Münsterkirche aus der unmittelbaren Nachkriegszeit zur Verfügung.
Charlotte und Ehrhard Brand waren das jüngste und das älteste Kind aus der kulturbeflissenen Bürgerfamilie des Rechtsanwalts Alfred Brand und der aus Frankfurt (Main) stammenden Clara geb. Burgheim. Ehrhard kam 1883 zur Welt und wurde wie sein Vater Rechtsanwalt. Seine jüngste Schwester Charlotte wurde elf Jahre später geboren. Für damalige Zeiten längst nicht »normal«, machte sie Abitur am damaligen Herforder Lyceum (dem heutigen Königin-Mathilde-Gymnasium) und absolvierte im Anschluss in Berlin eine Ausbildung, die wir heute im Bereich der Sozialarbeit verorten würden. Wiewohl Charlottes Lebensmittelpunkt ab etwa 1914 Berlin war, rissen die Verbindungen zu Herford, wo ihr Bruder mittlerweile die Praxis seines Vaters übernommen hatte, nie ab.
Als sie nach 1933 Berufsverbot erhielt, siedelte sie wieder nach Herford über, wo es ihr und ihrem Bruder gelang, die Schikanen, denen sie unter dem Vorwurf der "jüdischen Versippung" ausgesetzt waren, einigermaßen glimpflich zu überstehen.
Nach 1945 dachten weder Charlotte noch Ehrhard Brand trotz der erlittenen Drangsalierung daran, sich zurückzuziehen, sondern nahmen beide ihr Engagement im kulturellen Sektor wieder auf. So gründete Ehrhard unmittelbar nach Kriegsende im Juni 1945 den privaten »Kulturdienst für Herford-Stadt und Land«. Dessen Veranstaltungen trafen auf große Resonanz: RainerPape spricht von 100.000 Besuchern allein innerhalb des ersten Jahres!
Ehrhard Brand engagierte sich auch auf anderen Gebieten: Wir hatten im zweiten Teil dieser Serie bereits skizziert, wie die Münsterkirchengemeinde ab 1945 versuchte, ihre beschädigte alte Orgel in ein zeitgemäßes Instrument zu transformieren. In die Fragen um Standort und äußere Gestaltung schaltete sich auch Ehrhard Brand ein. Er handelte hierbei nur als Privatmann, Kraft seines kulturellen Engagements als »interessierter Bürger« (wie man es heute bezeichnen würde). Aus den Akten jener Jahre lässt sich nachvollziehen, wie wenig glücklich dieses an sich doch ehrenwerte Engagement verlief:
Die Geschwister Brand hatten 1946 den Architekten Werner March (1894–1976) mit dem Ausbau ihres Hauses in der Löhrstraße beauftragt. Wie der Kontakt zu March zustande gekommen war, wissen wir bisher nicht. Dieser hatte bis 1945 in Berlin gewirkt und unter anderem das Olympiastadion von 1936, außerdem auch Teile von Görings Residenz Carinhall errichtet (gehörte also durchaus zu der Gruppe von Menschen, die wir heute als »NS-Karrieristen« bezeichnen würden). 1945 verschlug es ihn nach Minden, wo er sich in den Folgejahren um den Wiederaufbau von Dom und Rathaus große Verdienste erwarb.
1946 also wurde nach seinen Plänen ein Anbau am Haus Löhrstraße 1 errichtet. Zeitgleich entwarf March auch das Gehäuse für die im Entstehen begriffene Hausorgel Charlotte Brands, auf die wir noch eingehend zu sprechen kommen werden. Dass man in der benachbarten Münsterkirche darüber diskutierte, ob man die um- bzw. neu zu bauende Orgel wieder auf der – als stilistischen Missgriff empfundenen – Westempore aufbauen sollte, oder aber die Empore abreißen und einen anderen Standort für die Orgel finden sollte, entging den Brands natürlich nicht. Ehrhard Brand nahm seine Rolle als Leiter des »Kulturdienstes« sehr ernst und versuchte, seine zahlreichen Kontakte in die Kulturwelt zum Nutzen seiner Heimatstadt einzusetzen. Ohne institutionellen Auftrag animierte er nicht nur Werner March, sondern auch die berühmten Organisten Walter Kraft (1905–1977) und Hans Klotz (1900–1987) dazu, Gutachten über den Standort für eine neue Orgel im Münster abzugeben. March und Kraft sprachen sich aus Gründen der Akustik dafür aus, die neue Orgel auf der sog. Schlafhausempore aufzustellen.
Das Presbyterium der Münstergemeinde, dem Brand diese Stellungnahmen zuleitete, reagierte verhalten, verfügte man doch längst über eigene Sachverständige und Beschlüsse. Die Aufstellung auf der Schlafhausempore – aus akustischer Sicht zweifellos vorteilhaft – war aus Platzgründen unmöglich: Ein Instrument der geplanten (und notwendigen) Größe hätte die Grundfläche der gesamten Schlafhausempore eingenommen und dadurch den Raumeindruck massiv beeinträchtigt. Die neue Orgel sollte daher wieder im Westen der Kirche Aufstellung finden. Brand jedoch focht dieses Argument nicht an, sondern er versuchte – ebenso verbindlich wie hartnäckig – seiner Vorstellung doch zum Erfolg zu verhelfen. Zu dieser gehörte auch, dass nicht der von der Kirchengemeinde beauftragte Orgelarchitekt Walter Supper (1908–1984), sondern Werner March für die äußere Gestaltung der neuen Münster-Orgel verantwortlich sein sollte.1
[1] Es ist höchst bemerkenswert, dass mit Kraft, Klotz und Supper zwischenzeitlich drei der prominentesten Repräsentanten der deutschen »Orgelbewegung« in das Orgelprojekt im Herforder Münster involviert waren.
Es ist heute nur noch vage nachvollziehbar, an welcher Stelle aus dem gutgemeinten »Ratschlag eines engagierten Bürgers« ein handfestes Missverständnis entstand. March jedenfalls scheint nicht nur die Rolle Brands, sondern auch seine eigene in dem Projekt völlig überschätzt zu haben und präsentierte der verdutzten Kirchengemeinde über das Gutachten hinaus nicht nur erste Prospektskizzen, sondern verband damit zugleich auch eine Generalplanung für die Neugestaltung des gesamten Chorraums der Münsterkirche. Das Presbyterium glaubte zunächst an eine großherzige Gefälligkeit und bedankte sich entsprechend. Als dann aber March im Bewusstsein der eigenen Bedeutung als Künstler carte blanche für alle Planungen und Maßnahmen verlangte und der Kirchengemeinde zudem eine horrende Rechnung präsentierte, lehnte man, einigermaßen konsterniert, dankend ab.2
[2] Supper hatte für seine – wesentlich umfangreicheren – Arbeiten bis zu diesem Zeitpunkt 800 RM in Rechnung gestellt; March forderte nun 5.000 RM, um überhaupt mit der Arbeit zu beginnen.
Selbst, als sich Ehrhard Brand erbot, zwei Drittel der Rechnungssumme aus privaten Mitteln aufzubringen, um March damit den Auftrag zu sichern, blieb die Münsterkirchengemeinde hart. Das Verhältnis zwischen Brand und der Münstergemeinde war nachhaltig gestört und March zog sich grollend nach Minden zurück. Auf die Planungen zum Orgelneubau im Münster wirkte Brands Engagement höchst nachteilig, da seine Vorschläge in Gemeinde und Presbyterium polarisierend gewirkt hatten. Nach einem Baustopp konnte man sich erst 1949 wieder daran machen, einen Neustart zu wagen.
Werner March hat in Herford trotzdem Spuren an und mit einer Orgel hinterlassen: Ebenfalls im Jahre 1946 ließ sich Charlotte Brand durch die Vlothoer Firma Steinmann eine kleine Hausorgel erbauen. Dieser an sich zunächst lapidar erscheinende Umstand ist bei näherer Betrachtung alles andere als dies: Nicht nur erstaunt der Zeitpunkt. Denn auch, wenn die Kriegsschäden in Herford nicht so gravierend waren wie andernorts, die Lebensumstände waren gleichwohl alles andere als einfach. Zumal für Menschen, die gerade erst den Fängen eines mörderischen Systems entronnen waren. Hausorgeln sind zudem generell ein recht seltenes Phänomen. Man fand und findet sie bis auf wenige Ausnahmen nur bei Menschen, die qua Beruf mit der Orgel zu tun haben, also bei Kirchenmusikern oder beispielsweise Seminarlehrern. Und dies waren seinerzeit durchweg Männer. Dass also im Deutschland des Jahres 1946 eine Frau als private Amateurin sich eine Orgel bauen ließ – außergewöhnlicher geht es kaum mehr!
Auch die Klanggestalt dieser Orgel stellt eine Besonderheit dar, folgt sie doch kompromisslos die Vorliebe der damals modischen »Orgelbewegung« für helle, scharfe und unsentimentale Klänge in Abgrenzung zum warmen, weichen Klang der Romantik. Das von March konzipierte Gehäuse steht allerdings im Gegensatz zu den gestalterischen Idealen der »Orgelbewegung«: Während diese analog zum »Neuen Bauen« größtmögliche Offenheit und Ehrlichkeit in der Prospektgestaltung propagierte (das Auge soll sehen, was das Ohr zu hören bekommen wird3) und daher das Konzept eines möglichst pfeifenreichen Prospekts verfolgte, zeigt der Prospekt der Hausorgel Charlotte Brands keine einzige Pfeife!
[3] Der Orgelprospekt in der Stiftberger Marienkirche ist ein prototypisches Beispiel für diese Ästhetik.
Es gibt am Äußeren der Orgel keinerlei Anhaltspunkte zu ihrer Klanggestalt. Ob er »passend zur Einrichtung« konzipiert wurde? Für Walter Supper – schon damals einer der prominentesten deutschen Exponenten der »Orgelbewegung« – war dieser Prospekt jedenfalls der schlagende Beweis, um Marchs mangelnde Eignung für das weitaus größere Projekt in der Münsterkirche zu belegen (was er in seiner Korrespondenz zwar diplomatisch, aber dennoch deutlich durchblicken ließ).
Als Charlotte Brand einige Jahre später wieder nach Berlin zurückkehrte, wechselte auch die Orgel mit dorthin. Aus heutiger Perspektive fällt es schwer nachzuvollziehen, wie es ihr gelang, im gravierend zerstörten Berlin eine Wohnung zu finden, die es erlaubte, darin ihre Orgel aufzustellen.
Um 1980 kehrte sie schließlich erneut nach Herford zurück, um sich um ihren älteren Bruder zu kümmern (er starb 1981). Auch die Orgel kehrte wiederum in die Löhrstraße zurück. Als auch Charlotte 1982 starb, hatten die Geschwister ihr Vermögen in die »Stiftung Familie Alfred Brand« eingebracht, die sich – in der Tradition des »Kulturdienstes« – insbesondere kulturellen Aufgaben und der Erhaltung des bauhistorisch be-deutenden Familienhauses widmen sollte. Die Orgel verblieb zunächst im Haus Löhrstraße, wo sie auch gelegentlich bei Veranstaltungen noch genutzt wurde.
1998 erwarb die »Stiftung Haus Bethlehem« das Instrument. Seitdem befindet es sich in der Kapelle des Mathildenhospitals und wird regelmäßig in den Gottesdiensten gespielt. Wohl nur wenigen Besuchern wird bewusst sein, um welch besonderes Instrument es sich handelt.
Denn diese Orgel ist heute gewissermaßen die »Alterspräsidentin« unter den Herforder Orgeln4 und in ihrer Klanggestaltung ungewöhnlich und anspruchsvoll. Zugleich ist diese Orgel auch das Zeugnis eines ganz außergewöhnlichen Willens. Dass die Geschwister Charlotte und Ehrhard Brand, gerade noch als »jüdisch versippt« diffamiert und verfolgt, ausgerechnet einen prominenten NS-Karrieristen beauftragten, um in der unmittelbaren Nachkriegszeit einen Anbau an ihr Haus und darin eine Orgel zu entwerfen – für uns heute kaum vorstellbar!
[4] Die Orgel des Königin-Mathilde-Gymnasiums ist in ihrer Grundsubstanz zwar wesentlich älter (1908), wurde mittlerweile jedoch zwei Mal tiefgreifend umgestaltet. Und auch die nur wenige Jahre ältere Orgel der Münsterkirche (1950) besitzt inzwischen nicht mehr ihrer originale Klanggestalt.
Das gilt übrigens auch für die Frage, wie es damals dem Orgelbauer Steinmann gelang, in dieser alles andere als »normalen« Zeit an das verwendete hochwertige Material für die Pfeifen zu kommen – Zinn (für die Orgelpfeifen) beispielsweise war als sog. »kriegswichtiges« Material auch nach Kriegsende noch sehr knapp und kostspielig. Aber selbst Holz wurde eher zum Wiederaufbau und zum Heizen benötigt als für die Fertigung von Luxusprodukten, wie es eine Hausorgel zweifellos ist. Die Antwort hierzu könnte in den zeitgleichen Vorgängen in der Münsterkirche (siehe Teil 2) liegen, ein Beweis dafür steht aber bislang aus.
Literatur
Landeskirchliches Archiv Bielefeld, 4.76 Nr. 1465
Pape, Rainer: Sancta Herfordia – Geschichte Herfords von den Anfängen bis zur Gegenwart. Herford: 1979, S. 344


