Geschichte eines Hauses – Alter Markt 4

Die Geschichte eines Hauses – Alter Markt 4

Mathias Polster

Es gibt noch viele Geheimnisse der Stadtgeschichte, die sich verbergen. Oft in schriftlichen Unterlagen, unter der Erde oder im Mauerwerk alter Gebäude. An einigen Orten wird gezielt nach diesen Geheimnissen gesucht, doch oft hilft auch der Zufall. Und manchmal ergibt sich eine Kombination. 

Auch rund um den Alten Markt sind noch immer Rätsel verborgen. Nachdem 2023 mit Sanierungsarbeiten in der damals geschlossenen Gaststätte Föge begonnen wurde, fügten sich anschließend viele Informationen zu einem komplexen Bild.

Im Herforder Heimatblatt vom April 1931 wurde über eine Grabung berichtet, die im Jahr zuvor am Alten Markt stattfand. Im September 1930 wurden bei Schachtarbeiten für Stichkanäle Reste gefunden, die auf alte Wege deuteten. Willi Görich, geborener Herforder und damals mittlerweile Archäologe an der Universität Marburg, wurde darüber informiert und kam schnell zurück in seine Heimatstadt. Auf der Westseite (Bäckerstraße Nr. 30, Alter Markt Nr. 2 bis Nr. 6) fand er eine alte Straße, welche vor Jahrhunderten die Bäckerstraße mit der Abtei verband. Neben verschiedenen Holz- und Bohlenpflasterungen fand er in 2,55 m bis 2,70 m Tiefe die älteste Straßenschicht. Es handelte sich um eine 15 cm starke Straßenpflasterung, die auf gewachsenem Boden auflag. In einem längeren Artikel für das Herforder Heimatblatt [Herforder Heimatblatt Nr. 4, April 1931, Herausgegeben vom Verein für Heimatkunde] beschrieb Görich die Grabungsergebnisse: 

„Die Pflasterung selbst war sehr gleichmäßig ausgeführt: flache, mehr oder weniger handgroße Steine hiesiger Art von durchschnittlich fünf Zentimeter Dicke lagen flach auf dem anscheinend künstlich geebneten Boden, meist nur in 1 - 2 Lagen, oft aber auch stärker und dabei ungeordnet durcheinandergeschoben, was wohl auf das Zerfahren der Straße zurückzuführen ist. (…) Über der gepflasterten Straße lag die 50 - 70 Ztm. mächtige, übelriechende Schmierschicht. Sie bestand eigentlich nur aus vermodertem Reisig. (…) Ganz offenbar stellt diese dicke Schicht Straßenschlamm dar, wie er in langer Zeit der Verwahrlosung entstand. (…) Oben im Straßenschlamm fand sich der einfache Bohlenbelag in Spuren fast auf der ganzen Strecke.“ 

Görich datierte die Pflasterung auf die Gründungszeit der Abtei um 822/823. Die darüberliegende Schicht bestand offenbar nur aus Reparaturschichten: 

„Die Straßen werden zerfahren und höchstens auf einfache Art befahrbar gehalten: Wo Pflaster liegt, hält das noch eine Weile aus, bricht aber auch endlich auseinander, tiefer Schlamm bildet sich bei nassem Wetter; Reisig oder im besten Falle Steine werden immer wieder in die schlimmsten Stellen geworfen, sodaß innerhalb 100 Jahren wohl eine ursprünglich über 80 Ztm. hohe zähe Schicht entstehen konnte, in der Hufeisen und Lederschuhe stecken blieben.“ 

Über die Fläche wurde vermutlich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts ein Straßenbelag aus Holzbalken und -bohlen gelegt. 

Aus dieser Zeit stammt auch eine Reihe verborgener alter Mauerreste von Häusern, die damals direkt an der Straße standen. Manchmal werden diese wiederentdeckt und geben Details auf den Blick alter Geschichte(n) frei, wie die des Gebäudes Alter Markt 4.

In dessen Keller sind noch alte Fundamente aus verschiedenen Jahrhunderten zu finden, welche die Basis für die Erforschung der Baugeschichte bildeten. 

Bis kurz vor 1500 standen auf der Fläche Alter Markt 4 zwei kleinere, vermutlich zweihundert Jahre zuvor errichtete Häuser. Nur die zum Teil erhaltenen Fundamente lassen auf deren Größe schließen. 

Wie diese Gebäude in Herford aussahen, lässt sich nur vermuten. Vermutlich gab es in der Stadtgründungsphase neben den Fachwerkgebäuden nur wenige profane Steinbauten. Es gibt jedoch ein fotografisch dokumentiertes Gebäude in Herford, welches erahnen lässt, wie Wohnhäuser damals ausgesehen haben können. In der Hämelinger Straße stand noch bis ins 20. Jahrhundert ein steinernes Haus, über dessen Geschichte wenig bekannt ist. Möglicherweise befand sich ursprünglich im Erdgeschoss ein Geschäft. Darüber lagen die Wohnräume der Bewohner. Die gotische Fassade wurde nach 1900 umgebaut, der Vorbau entfernt. Im Herbst 1944 wurde das Gebäude bei einem Bombenangriff schwer beschädigt und nach dem Krieg abgebrochen. Dieses alte, gotische Haus zeigt zumindest, wie groß die Wohngebäude damals waren.

Mit dem Übergang vom Mittelalter zur Renaissance veränderte sich in vielen Städten das Bild. Insbesondere an wichtigen Straßen und Plätzen sollten größere Gebäude die kleinteilige Bebauung ersetzen. Es galt die neue Zeit zu repräsentieren. In den Handelsstädten blieben nur wenige der mittelalterlichen Bürgerhäuser erhalten. 

Auch die beiden kleineren Gebäude am Alten Markt wurden zu einem größeren umgebaut. Aus den Hausnummern 640 und 641 wurde nun eine Nummer, meist als 641 bezeichnet [KAH StH A 7.047 Brandkataster 1706].

 

Bei den Sanierungsarbeiten ab 2023 wurde das Gebäude nahezu komplett entkernt, der Putz abgeschlagen und das Fachwerk freigelegt. Dadurch ergaben sich außergewöhnliche, überraschende Einblicke in die Baugeschichte des Gebäudes. 

So blieben neben den Fundamenten der beiden mittelalterlichen Gebäude auch die ursprünglichen nord- und südlich aufgehenden Außenmauern im EG-Bereich erhalten. Sie sind mit Rhät-Sandstein aufgemauert, welcher im den der Stadt gehörenden Teil des Stuckenbergs gebrochen wurde. Noch heute kann man nur wenige Meter vom Bismarckturm entfernt Reste der alten Brüche und die sie begleitenden Kummerhalden entdecken. Auch einige Hohlwege, die beim Transport der Steine hinab zur Stadt entstanden, sind noch am Hang des Stuckenbergs zu finden.

 

Der ausgesprochen harte und schwer zu bearbeitende, quarzitisch gebundene Sandstein wurde u.a. für den Bau der Herforder Stadtmauer verwendet. Als man ab Anfang des 13. Jahrhunderts verstärkt besser zu bearbeitende Keuper-Sandsteine aus dem Lipper Bergland verwendete, wurde Rhät meist nur noch als Fundamentstein, jedoch kaum mehr für aufgehendes Mauerwerk genutzt. 

Bei der Zusammenführung der beiden kleinen Gebäude um 1500, wurden die seitlichen, mit Rhät gesetzten Außenwände des Erdgeschosses bis zur Traufe überwiegend mit Keuper-Sandstein aufgemauert.

Im 1. OG und 2. OG wurde jetzt das Gebäude zentral durch eine Fachwerkkonstruktion getragen, die zum großen Teil noch heute erhalten ist.

 

Durch dendrochronologische Untersuchungen wurde festgestellt, dass der Kern dieser Dachkonstruktion 1493 errichtet wurde [Dendrochronologische Untersuchungen Universität zu Köln März 2025]. Es ist davon auszugehen, dass diese Jahreszahl auch den großen Umbau datiert. 1560 wurde die Dachkonstruktion erneuert und komplett mit neuen Dachsparren aufgebaut. Diese sind nahezu komplett noch erhalten.

 

Die Fassade der Frührenaissance wurde durch eine einfache Struktur ohne Verzierungen geprägt. Lediglich das Giebeldreieck, in dem sich eine große Öffnung für einen Lastenaufzug befand, wurde über einfache Profile markiert. 

Störungen im süd- und nördlichen Mauerwerk belegen in den verschiedenen Etagen mehrere Umbauten. 

 

Über den Bauherren und die damalige Nutzung des Gebäudes gibt es keine verlässlichen Informationen. Lediglich eine anonyme Hausmarke von 1562 hat sich erhalten.

 

Möglicherweise wurde das Haus bereits im Dreißigjährigen Krieg als Gasthof genutzt. Vielleicht ist Dr. Georg Fabers Beschreibung der Ostfriesland-Reise des Landgrafen Philipp v. Hessen-Butzbach ein Hinweis darauf. Dokumentiert ist die Reiseetappe nach Herford für den 28.5.1632. An diesem Tag zog ein Tross von 93 Pferden und 82 Personen durch das Bergertor kommend in die Reichsstadt Herford, wo „der Rat allda I. F. Gn. 12 Kanten Wein (…) durch den Stadtschreiber verehren“ ließ. Landgraf Philipp logierte im Gasthaus „Zum Gülden Löwen ufm Markt“ der Altstadt. Am nächsten Tag zog die Gruppe weiter. Auf der Rückreise nach Butzbach zog die Gesellschaft am 20.6.1632 von St. Levern, durch das Wiehengebirge erneut über Herford. Nach Ankunft wurde der Reisegesellschaft des Landgrafen vom Rat „20 Kannen guten rheinischen Weins“ verehrt. Am nächsten Tag zog die Gesellschaft weiter nach Detmold, wo sie von Graf Simon Ludwig zur Lippe empfangen wurde. 

 

Sicher ist, dass in dem Haus die bis heute am längsten durchgehende Schankwirtschaft existiert. 1748 wurde erstmals eine Bürgerliste erstellt, die einen Überblick über die Eigentümer und die Nutzung der Herforder Gebäude geben sollte. Unter der Hausnummer 641 wurde der Landreuter und Ordonanzwirt Albrecht Friedrich Saalbeck verzeichnet. Das spricht dafür, dass es sich möglicherweise um ein vom Militär bevorzugtes Etablissement handelte. Der Ausschank lag in bester Lage, direkt am Marktplatz, neben dem historischen Rathaus. 

Möglicherweise gab es zeitgleich verschiedene Eigentümer und Nutzungen, was sich jedoch schwer belegen lässt. 1838 kaufte der Konditor Jobst Heinrich Meyer das Anwesen für 1.100 Taler. Es ist die Zeit eines ersten vorsichtigen industriellen Aufschwungs. 1841 erwarb Wilhelm Böckelmann das Gebäude für 2.250 Taler und richtete im rückwärtigen Anbau des Hauses 641 die erste Zigarrenfabrik Herfords ein. 

Wann der Aufbau der heutigen Fassade erfolgte, ist nicht sicher. Auf der Denkmalsliste der Stadt Herford ist das seit dem 13.03.1985 unter Denkmalsschutz stehende Wohn- u. Geschäftshaus mit seiner Neorenaissance-Fassade auf 1873 datiert. Wie mehrere Fotos zeigen, war jedoch die alte Fassade noch vorhanden, nachdem das Altstädter Rathaus abgebrochen und am 18. Oktober 1879 das Kriegerehrenmal eingeweiht wurde. 

 

Ansichtskarten belegen, dass die neue Fassade sicher vor 1895 errichtet wurde. In dem Jahr brannte das rechts danebenstehende Wulffsche Haus, heute Alter Markt 6, komplett ab. Die durch den Brand verursachte Hitze ließ sich durch geschmolzene Ablagerungen auf der Innenseite der zum Brandhaus stehenden Außenmauer Alter Markt 4 nachweisen.

 

Die einfache, unspektakuläre Straßenfront der Frührenaissance wurde komplett abgebrochen und die neue Neorenaissance-Fassade errichtet. Wie die erhaltene Fachwerkkonstruktion belegt, blieb das Gebäude dahinter im oberen Bereich unberührt. Im Erdgeschoss wurde es umgebaut. Das Gebäude erhielt jetzt zwei Eingänge für unterschiedliche Nutzungen. 

 

1891 wird Max Hoppe als Eigentümer der Gaststätte Bürgerbräu erwähnt. Im Adressbuch von 1906/07 werden Kaufmann August Vogelsang und Wirt Wilhelm Läge genannt.

Zwischen 1910 und 1927 übernimmt der Wirt Gustav Koch das Gebäude. Eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1919 zeigt den gesamten Bereich noch als Gastronomiebereich, das Cafe Bristol. Wenige Jahre später nutzte der gleiche Besitzer nur noch die Hälfte der Fläche, jetzt Cafè Germania. Die linke Seite vermietete Koch an den Schuhmacher Dümke.

 

1927 übernahm Wilhelm (Willy) Föge die Gaststätte, die seither dessen Familiennamen trägt. Zuvor war er Pächter der Gaststätte an der Overbeckschen Badeanstalt, Salzufler Straße 2, später Niemeyer.

Er ließ die Trennwand im Erdgeschoss zwischen dem Geschäft des Schumachers und dem Cafè Germania entfernen und der gesamte Bereich wurde zur Gaststätte umgebaut. Eine Glasplattenaufnahme zeigt die erste Einrichtung.

 

Beim letzten Bombenangriff am 3. März 1945 wurde das Gebäude, wie weitere Häuser im Umfeld, stark beschädigt. Die durch die Explosion einer Luftmine verursachte Druckwelle drang in die vier großen Fensteröffnungen der ersten Etage ein. Durch den Überdruck im Inneren wurde in diesem Bereich die Fassade über den Fenstern nach außen zurückgedrückt, was zu erheblichen Rissen führte. Das gesamte Gebäude jedoch federte auf Grund der ausgezeichneten alten Bauweise den Explosionsdruck ab.

 

Bis heute hat das über Jahrhunderte mehrfach veränderte Gebäude so manches er- und überlebt, nicht nur baugeschichtlich. Ob für intensive Gespräche, Skat- und Knobelrunden oder ein Animator zwischendurch, Föge war der zentrale Ort in der Innenstadt. Und die Geschichte geht weiter.

 

Eintrag bekannter Eigentümer

1748 Landreuter und Ordonanzwirt Saalbeck, Albrecht Friedrich
1838 Konditor Meyer, Jobst Heinrich
1841 Böckelmann, Wilhelm
1864 Schenkwirtschaft Grimme (Kaufmann)
1891 Bürgerbräu - Hoppe, Max
1896 Hoppe, Max und Grether, Ad.
1906/07 Wirt Läge, Wilhelm 
1910-1927 Kaffee & Restaurant Germania - Koch, Gustav (Wirt) 
1927-1975 Restaurant Föge - Föge, Wilhelm (Willy)
1975-1991 Föge - Föge, Friedrich
1991-1992 Föge - Ciraci, Carmine
1992-1999 Föge - Ardner, Marion
1999-2001 Föge - Heuermann und Laffontien GmbH
2001-2023 Föge - Admir Selimovic
2025-Föge - Eckhard Hofmeister

 

Exkurs: Bis Ende des 19. Jahrhunderts gab es keine Adressen mit Straßennamen. Alle Häuser der Stadt waren von der Neustadt, über die Altstadt zur Radewig hin durchnummeriert. 1884 wies der preußische Regierungspräsident von Pilgrim die Stadt an, die Straßen offiziell mit Eigennamen zu versehen. Straßenschilder wurden montiert und die Häuser in den Straßenzügen durchnummeriert. Das Gebäude bekam die Adresse Alter Markt 4. 

Es dauerte noch einige Jahre, bis sich das neue System durchsetze. So wird 1891 die Schenkwirtschaft unter Max Hoppe im Adressbuch Herfords, eigentlich schon Alter Markt 4, noch immer unter der Nummer 640 geführt.