1923 - Herford im Jahr der Hyperinflation (Michael Oldemeier)
1923 - Herford im Jahr der Hyperinflation
Michael Oldemeier
Die Weimarer Republik wurde bereits in ihren Anfangsjahren von zahlreichen innenpolitischen Krisen erschüttert. Auf die militärische Niederlage, einen als demütigend empfundenen Friedensvertrag sowie eine extreme innenpolitische Radikalisierung mit zahlreichen politisch motivierten Morden folgte 1923 eine Hyperinflation, deren spektakulärer Verlauf in der Wirtschaftsgeschichte nur wenige Parallelen kennt. Der vorliegende Aufsatz analysiert die Ursachen dieser Inflation, beschreibt ihren Verlauf und versucht ihre Auswirkungen am vertrauten lokalen Beispiel zu veranschaulichen.
Die Ursache
Die Inflation des Jahres 1923 wurde ausgelöst durch den gesteigerten Geldbedarf des Deutschen Reiches zur Finanzierung des Ersten Weltkriegs und entsprach dem Typus einer klassischen „Nachfrageinflation“, bei der einer steigenden Geldmenge kein gleichwertiges Warenangebot gegenübersteht.
Die Auffassung, dass ein künftiger Krieg verlustreich, aber kurz sein würde, war um die Jahrhundertwende weit verbreitet. Noch unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs rechnete der deutsche Generalstab mit einer Kriegsdauer von maximal zwei Jahre. Aus diesem
Grund gab es kaum realistische Planungen zur Bewältigung der ökonomischen und finanziellen Folgen eines militärischen Konflikts, zumal volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, die das Sozialprodukt nach seinen Komponenten aufschlüsselten, zu jener Zeit noch nicht existierten. Immerhin lagerte im Juliusturm der Festung Spandau ein Kriegsschatz in Höhe von 120 Millionen Mark in Gold. Eine gewaltige Summe, aber selbst damit hätte die deutsche Führung den Krieg in seiner Endphase nicht einmal einen Tag lang durchhalten können, denn im Oktober 1918 lag der Finanzbedarf des Reiches bei fast 5 Milliarden Mark – pro Monat! Insgesamt kostete der Erste Weltkrieg allein die Deutschen etwa 160 Milliarden Mark, das Vierfache des Volkseinkommens von 1913!
Der Aufwand für die Verpflegung, Versorgung, Ausrüstung und Bewaffnung eines Millionenheeres verschlang Unsummen. Diese Ausgabenflut musste die Finanzkraft des Reiches strukturell überfordern, denn seine Einnahmen bestanden größtenteils aus Verbrauchssteuern und Abgaben. Zugespitzt formuliert: 1914 trat die stärkste Kontinentalmacht Europas in den bis dahin größten Krieg der Menschheitsgeschichte ein und verließ sich bei dessen Finanzierung auf das Aufkommen der Sektsteuer und die Einnahmen aus Stempelgebühren (1).
(1) Vgl. Haller, Die Rolle der Staatsfinanzen, S. 115ff. und S. 131; Hohorst u. a., Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch II, S. 104; Pfleiderer, Die Reichsbank in der Zeit der großen Inflation, S. 162; Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, S. 64ff.; Der Weltkrieg, Kriegsrüstung und Kriegswirtschaft, Erster Band, S. 330).
Vor Steuererhöhungen oder der Einführung weiterer Steuern schreckte die deutsche Führung jedoch zurück, um die Moral an der Heimatfront nicht zu gefährden. Somit blieb als einziger Ausweg die Kreditfinanzierung. Da die ausländischen Kapitalmärkte dem Reich nach Kriegsausbruch verschlossen blieben, verschuldete sich die deutsche Regierung bei ihren Bürgern. Millionen Deutsche investierten ihre Ersparnisse in staatliche „Kriegsanleihen“, die nach dem Sieg von den unterlegenen Gegnern zurückgezahlt werden sollten, einschließlich der aufgelaufenen Zinsen. Neben patriotischer Euphorie basierte diese Investitionsbereitschaft
auch auf nüchternem Kalkül, denn aus Sicht der Zeitgenossen versprach die fünfprozentige Kriegsanleihe in turbulenten Zeiten eine ebenso krisensichere wie gewinnbringende Geldanlage. Die insgesamt neun Kriegsanleihen erbrachten eine Summe von fast 100 Milliarden Mark, etwa 100 Millionen Mark zeichnete allein die Bevölkerung im Kreis Herford. Und nicht nur die Reichen investierten in den Krieg, auch viele Kleinsparer lösten ihre Konten auf, um Anleihen bis zu 1.000 Mark zu zeichnen. Dabei muss man sich vergegenwärtigen, dass dieser Betrag vor dem Krieg etwa dem durchschnittlichen Jahreseinkommen eines Arbeitnehmers entsprach.
Nach der Niederlage im November 1918 wurden die Kriegsanleihen über Nacht wertlos, denn es gab keinen besiegten Gegner, um sie zurückzuzahlen. Mit den steigenden Ausgaben hatte sich die Geldmenge im Verlauf des Kriegs verfünffacht, so dass die Mark 1918 etwa auf die Hälfte ihres ehemaligen Goldwerts gesunken war (2).
(2) Vgl. Abelshauser, „Zur Vorbeugung der Armuth ...“, S. 128ff.; Craig, Deutsche Geschichte 1866 – 1945, S. 381; Hohorst u. a., Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch II, S. 107. Zu den wachsenden Ausgaben im Verlauf des Krieges und den Kriegsanleihen vgl. Haller, Die Rolle der Staatsfinanzen, S. 126ff.).
Jeder Wert, auch der Wert des Geldes, beruht auf Vertrauen. Und ist deshalb leicht zu manipulieren. Die Kriegsfinanzierung hätte nicht zwangsläufig in einer Hyperinflation enden müssen, denn zum Zeitpunkt des Waffenstillstands im November 1918 war die Geldentwertung in Deutschland durchaus mit anderen Ländern vergleichbar. Aber obwohl die ungeheure Last der Kriegskosten nun entfiel, blieb der Finanzbedarf des Reiches hoch, denn die neue demokratische Regierung musste nun ihrerseits Reparationen an die Sieger zahlen, außerdem die Kriegs- auf die Friedenswirtschaft umstellen, das Millionenheer entlassener Soldaten wieder in das Arbeitsleben integrieren, die Demokratie konsolidieren und das Ausbrechen sozialer Unruhen verhindern. Um all diesen Verpflichtungen nachzukommen, ließ der Staat die Notenpresse laufen und verschaffte sich damit das notwendige Bargeld. Als Alternative zu dieser Politik des billigen Geldes hätte die Regierung massive Steuererhöhungen in Betracht ziehen können, bis zu einer Steuerquote von 35% des Volkseinkommens! Das barg die Gefahr einer anhaltenden Depression und der damit verbundenen Diskreditierung des demokratischen Systems in sich, zumal die Steuerquote vor 1914 lediglich 11% betragen hatte. Heute liegt sie bei etwa 24% (3)
(3) Vgl. Borscheid, Vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg, S. 409; Haller, Die Rolle der Staatsfinanzen, S. 140f.; Pfleiderer, Die Reichsbank in der Zeit der großen Inflation, S. 168; Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, S. 244).
Die innenpolitische Konsolidierung hatte Vorrang vor der finanzpolitischen Stabilisierung. In den ersten Nachkriegsjahren linderte die Inflation die öffentliche und private Schuldenlast, sie erleichterte die Demobilmachung und die Finanzierung der Kriegsrenten, sie ermöglichte die Ankurbelung der Konjunktur und auch einen massiven Anstieg der Reallöhne (4).
(4) Vgl. Haller, Die Rolle der Staatsfinanzen, S. 142ff.; Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, S. 245).
Der Verlauf
Alle schienen von einer schleichenden Geldentwertung zu profitieren. Um diesen sozialen Burgfrieden nicht zu gefährden, wurden die damit verbundenen Gefahren lange Zeit nicht erkannt – oder auch schlicht ignoriert. Aber seit dem August 1922 begann die bis dahin schleichende Inflation zu galoppieren, allein bis Januar 1923 hatte sich die Inflationsrate verzehnfacht (5).
(5) Vgl. Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, S. 246.
Die politischen Ereignisse des Jahres 1923 ließen die Geldentwertung dann vollends aus dem Ruder laufen. Am 11. Januar besetzten französische und belgische Truppen unter dem Vorwand eines geringfügigen Rückstands der Reparationsleistungen das Ruhrgebiet. Die nationale Empörung in ganz Deutschland war groß, auch in Herford fand am 20. Januar 1923 eine öffentliche Kundgebung auf dem Schützenberg statt (6).
(6) Bericht des Magistrats zu Herford … 1916 bis 1927, S. 341.
Unter dem Eindruck dieser aufgeheizten Stimmung rief die Regierung in Berlin die Menschen im Ruhrgebiet zum passiven Widerstand auf. Diese eher symbolische Entscheidung führte die junge deutsche Demokratie schon bald in eine politische Zwickmühle. Einerseits verhinderte das nationale Prestige eine Revision des Konfrontationskurses gegenüber Frankreich, obwohl sich schnell herausstellte, dass die Regierung in Paris machtpolitisch am längeren Hebel saß. Andererseits erwies sich aus ökonomischen Gründen die Fortsetzung des Widerstands als mindestens ebenso problematisch, denn während die Ausgaben zur Unterstützung der Menschen im Ruhrgebiet drastisch anstiegen, brachen die Steuereinnahmen schlagartig ein, weil neben 85% der deutschen Kohleproduktion ein Drittel der deutschen Wirtschaftskraft ausfiel und Frankreich die Überweisung sämtlicher Steuerzahlungen aus den besetzten Gebieten sperrte (7).
(7) Vgl. Borscheid, Vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg, S. 409; Craig, Deutsche Geschichte 1866 – 1945, S. 381; Fiedler, „Der Landwirt als Bankdirektor,“ S. 61.
Die Ausgaben für den „Ruhrkampf“ stürzten die deutsche Währung ungebremst in den Abgrund, immer tiefer, immer schneller. Im Juli 1914 kostete ein Dollar 4,20 Mark, im Januar 1919 8,90 Mark. Dieser Wert stieg bis Januar 1920 auf 64,80 Mark und erreichte zwei Jahre später 191,80 Mark. Im Januar 1923 kostete ein Dollar 17.972, im Juli 353.412, im September 98,9 Millionen und im November 4,2 Billionen Mark. Diese unübersichtliche Zahlenreihe lässt sich in wenigen Worten so zusammenfassen, dass die Mark in Relation zum Dollar innerhalb von neun Jahren auf ein Billionstel ihres ursprünglichen Wertes geschrumpft war!
Um den gewaltigen Bedarf an Geldscheinen zu decken, arbeiteten für die Reichsbank Ende 1923 in 133 Druckereien über 1.700 Notenpressen, rund um die Uhr (8).
(8) Vgl. Craig, Deutsche Geschichte 1866 – 1945, S. 381 und S. 394.
Trotz der ständigen Vermehrung des Geldumlaufs trat als Folge einer paradoxen Dialektik eine Knappheit an Zahlungsmitteln ein, ohne dass dadurch die Inflation gestoppt wurde. Das Niveau der Preise stieg schneller als die Zahl der Geldscheine, vor allem mangelte es an bestimmten Stückelungen, besonders an Kleingeld. Als Reaktion brachten diverse Emittenten sogenanntes „Notgeld“ in Umlauf, zunächst meist völlig ungeregelt, wodurch die Inflation weiter angeheizt wurde. Das „Gesetz über die Ausgabe und Einlösung von Notgeld“ vom 17. Juli 1922 bestimmte, dass Notgeld von den Emittenten einzulösen sei und künftig nicht mehr ausgegeben werden dürfe. Dieses Verbot musste jedoch bereits im Herbst wieder zurückgenommen werden, da Geldscheine weiterhin knapp waren (9).
(9) Vgl. Pfleiderer, Die Reichsbank in der Zeit der großen Inflation, S. 169f.
Auch der Kreis Herford hatte gewarnt, dass „die Zahlungen der Löhne, der Unterstützung für Kriegsbeschädigte und Sozialrentner stocken“ könnte, „weil das das nötige Kleingeld nicht aufzutreiben ist“ (10).
(10) Zit. nach Abelshauser, „Zur Vorbeugung der Armuth ...“, S. 143.
Das Recht Geld zu prägen, galt im Mittelalter als Ausdruck souveräner Macht, die Ausgabe von Papiergeld durch die Kommunen zu Beginn der zwanziger Jahre spiegelte dagegen die Symptome einer schweren Krise. Bereits während des Krieges waren Notgeldscheine ausgegeben worden, um die fehlenden Münzen zu ersetzen. Die wertvollen Goldmünzen im Wert von 5, 10 und 20 Mark hatte der Staat aus dem Verkehr gezogen, während die Bevölkerung Silbermünzen hortete und die Rüstungsindustrie selbst preiswerte Metalle wie Kupfer in riesigen Mengen benötigte. In Herford waren „zu Beginn des Jahres 1917 ... vielfach in den Kreisen der Bevölkerung Klagen über Mangel an Kleingeld laut geworden.“
Als Reaktion beschloss der Herforder Magistrat mit Genehmigung des Regierungspräsidenten im Mai 1917, Notgeld im Wert von 84.000 Mark herauszugeben, insgesamt 400.000 Scheine im Wert von 5, 10, 20 und 50 Pfennig, weitere 600.000 Scheine folgten am 1. Oktober 1918. Ihr Geltungsbereich erstreckte sich auf den Landkreis Herford und die Stadt Bad Salzuflen. Als die Reichsbanknebenstelle in Herford befürchtete, den Geldbedarf von Stadtverwaltung und Unternehmen künftig nicht mehr decken zu können, beschloss der Magistrat Ende Oktober 1918 weitere Geldscheine über jeweils 5, 10 und 20 Mark in einem Gesamtwert von 1,4 Millionen Mark herauszugeben. Sie verloren am 1. Februar 1919 ihre Gültigkeit und wurden „durch Feuer vernichtet“.
Der eklatante Mangel an Bargeld blieb auch nach Kriegsende bestehen. Da die Reichsbank die Versorgung mit Kleingeld weiterhin nicht garantieren konnte, druckte die Stadt Anfang 1920 erneut Notgeldscheine über 5, 10, 20 und 50 Pfennig, insgesamt 1,3 Millionen Exemplare in einem Gsamtwert von 215.000 Mark.
1922 wurden die Zahlungsmittel so knapp, „dass selbst mittlere Betriebe in der Stadt nicht in der Lage waren, die zur Löhnung der Arbeiter notwendigen Barmittel zu beschaffen“. Der Magistrat gab draufhin Notgeldscheine über 20, 50 und 100 Mark heraus, insgesamt mehr als 800.000 Exemplare im Wert von 50.000.000 Mark, für die, wie bei allen anderen „Notgeldauflagen von der Stadt ein entsprechender Gegenwert bei der Reichsbanknebenstelle bzw. bei der Reichs-Kreditgesellschaft in Berlin zu hinterlegen war und verzinst wurde“ (11).
(11) Bericht des Magistrats zu Herford … 1916 bis 1927, S. 259f..
Im Zeitraum von 1917 bis 1923 emittierte die Stadt Herford insgesamt 31 verschiedene Notgeldwerte. Allein die im Oktober 1922 von der Kämmereikasse Herford in Umlauf gesetzten 20,-, 50,- und 100-Markscheine wogen zusammen eine halbe Tonne! (12).
(12) Vgl. Pape, Sancta Herfordia, S. 293; Voß, Herford im Inflationsjahr 1923, S. 105.
Aber selbst Papier war schließlich zu wertvoll, um es für das Drucken von Geld zu verschwenden. Die Herforder Notgeldscheine des Jahres 1922 erhielten deshalb einfach „auf beiden Seiten einen entsprechenden Wert-Überdruck. Dieser Überdruck bewegte sich im Werte von 500 Tausend bis 500 Milliarden Mark“ (13).
(13) Bericht des Magistrats zu Herford … 1916 bis 1927, S. 260).
Sogar einzelne Herforder Unternehmen wie die Firma Elsbach oder das westfälische
Textilwerk Erwin Seidel brachten Notgeld in Umlauf, um „unsere Angestellten und Arbeiter in den Besitz von Zahlungsmitteln zu bringen“. Die Geldscheine konnten an der Geschäftskasse der ausgebenden Firma, aber auch bei einzelnen Banken und Geschäften eingelöst werden (14).
(14) Vgl. Herforder Kreisblatt, 09.08.1923. Die Fima Elsbach gab Gutscheine im Wert von jeweils 100.000, 500.000 oder 1.000.000 Mark heraus.
Auf dem Höhepunkt der Inflation hatte eine Welle von Notgeldscheinen das Reich geradezu überflutet. Als der Finanzmister in Berlin am 28. Dezember 1923 den Umtausch des improvisierten Geldes bis zum 31. Januar 1924 anordnete, entsprach nach Schätzungen der Reichsbank das umlaufende Notgeld dem Umlauf an Reichsbanknoten (15).
(15) Vgl. Borscheid, Vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg, S. 412f.
Die Folgen
Die mit der Geldflut einhergehende Geldentwertung nahm groteske Ausmaße an. Der Etat der Stadt Herford lag 1923 eine Milliarde Mark über dem Reichshaushalt des Jahres 1914, und im November 1923 bezifferte die Stadtkasse ihren täglichen Geldbedarf auf eine Trillion Mark!
Die Herforder Bevölkerung spürte die Inflation besonders schmerzlich bei den steigenden Lebensmittelpreisen. Am 16. Januar 1923 kauften die Herforder Schlachtermeister Huep und Reckendorf einen Ochsen für 1,75 Millionen Mark, ein sechspfündiges Roggenbrot kostete Ende August eine halbe Million Mark. Hinzu kamen Versorgungsengpässe, da die Kohleversorgung aus dem Ruhrgebiet unterbrochen war. Das Herforder Gaswerk musste sich deshalb in England mit Kohle eindecken, wofür die Stadt einen Kredit von 250 Millionen Mark bewilligte.
Die Arbeitnehmer wehrten sich, weil die Löhne mit den galoppierenden Preisen nicht Schritt halten konnten. Im Februar 1923 forderten die Beschäftigten der Herforder Möbelindustrie eine Lohnerhöhung um 100%. Die Arbeitgeber lehnten ab, denn mit dem Ruhrgebiet hatten sie ihren wichtigsten Absatzmarkt verloren. Im Zuge des folgenden Arbeitskampfes zogen sich Streiks und Aussperrungen über Wochen hin (16).
(16) Vgl. Voß, Herford im Inflationsjahr 1923, S. 98f., S. 102ff. und S. 110.
Die Absatzkrise nach Abschnürung des Ruhrgebiets traf nicht nur die Möbelfabriken, sondern auch die Unternehmen der Herforder Konsumgüterindustrie. Die Zahl der Erwerbslosen schnellte in die Höhe. Im Februar 1923 war nur ein Drittel der Herforder Arbeiternehmer voll beschäftigt und im Dezember registrierte der Magistrat 2.700 Arbeitslose und 1.000 Kurzarbeiter (17). Nur 300 Arbeitslosen konnte die Stadt Herford im Rahmen von Notstandsarbeiten Beschäftigung zusichern, beispielsweise bei der Anlage eines neuen Friedhofs an der Mindener Straße, dem „Ewigen Frieden“ (18).
(17) Vgl. Abelshauser, „Zur Vorbeugung der Armuth ...“, S. 139; Bericht des Magistrats zu Herford … 1916 bis 1927, S. 341.
(18) Vgl. Voß, Herford im Inflationsjahr 1923, S. 97 und S. 103.
Die Ausnahmesituation des Jahres 1923 spiegelte sich auch in der Herforder „Statistik der registrierpflichtigen Strafttaten“. Von 1923 bis 1923 erhöhte sich die Zahl der Verbrechen nur marginal von 17 auf 28, aber die Zahl der Vergehen, minderschwere Straftaten wie kleinere Eigentumsdelikte oder Betrugsfälle, stieg von 365 auf 670, um 1924 wieder auf 356 abzufallen.
Wie immer litten die Schwächsten am stärksten unter den Folgen der Krise: die Kranken, die Alten und die Jüngsten. Um die akute Not zu lindern, setzten die amerikanische Quäkergemeinden ihre kostenlosen Schulspeisungen fort, die eigentlich 1922 hätten auslaufen sollen. 300 Kinder, ein Viertel der Herforder Schülerschaft, profitierten davon (19).
(19) Bericht des Magistrats zu Herford … 1916 bis 1927, S. 43. Zu den Quäkerspeisungen vgl. Knackstedt, Chronik des Kreises Herford, S. 131.
Die seit Sommer 1922 steigende Arbeitslosigkeit veranlasste die Stadt Herford „neben der Qäkerspeisung die allgemeine Volksspeisung wieder einzurichten. Es wurden anfänglich etwa 200 Portionen … abgegeben. Nach und nach steigerte sich die Zahl der auszugebenden Portionen auf 1000“ (20).
(20) Bericht des Magistrats zu Herford … 1916 bis 1927, S. 318.
Die Wende
Eine Lösung für die chronische Finanzkrise musste dringend gefunden werden. Nur wie? Um die wertlose Mark zu stabilisieren, versuchte man sie an den Dollarkurs oder an einen materiellen Gegenwert zu binden, etwa an den Getreidepreis. So kostete beispielsweise im Mai 1923 der Anschluss an das Versorgungsnetz der Elektrizitätswerke Minden-Ravensberg (EMR) 231 Zentner Roggen. Eine der führenden Industrienationen der Welt fiel streckenweise zurück auf das Niveau des Tauschhandels, nachzulesen in den Annoncen des Herforder Kreisblattes Ende 1923: „Kartoffeln gegen Tausch eines guten Peddigrohr-Kinderwagens gesucht;“ „Fettes Schwein gegen neue Nähmaschine oder wertbeständiges Geld zu kaufen gesucht;“ „Eichene Truhe zu kaufen oder gegen Wäsche oder Wollstoffe einzutauschen gesucht“ (21).
(21) Herforder Kreisblatt, 19.10.1923, 29.11.1923, 01.12.1923.
Die deutsche Währung verlor als Rechnungseinheit und Wertstandard immer mehr an Vertrauen, mit dramatischen ökonomischen Konsequenzen. Die weit verbreitete Flucht in harte Devisen und wertbeständige Sachwerte heizte die Inflation zusätzlich an (22).
(22) Vgl. Pfleiderer, Die Reichsbank in der Zeit der großen Inflation, S. 177.
Die Situation drohte endgültig außer Kontrolle zu geraten, als die Landwirte ankündigten, beim Verkauf der Ernte des Sommers 1923 kein wertloses Papiergeld zu akzeptieren. Zusätzlich zu der Wirtschaftskrise drohte jetzt eine Hungerkrise.
Erst als die deutsche Regierung den passiven Widerstand im Ruhrgebiet Ende September 1923 abbrach, beseitigte sie in einem ersten Schritt das größte Hindernis auf dem Weg zu einer
finanzpolitischen Konsolidierung. Die nächste Herausforderung bestand nun darin, die Währung zu stabilisieren, ohne das Deutsche Reich in den Staatsbankrott zu treiben.
Maßgeblich beigetragen zur Stabilisierung der wertlosen Mark hat die Einführung der Rentenmark. Die Rentenmark diente für eine Übergangszeit als Parallelwährung und die am 15. Oktober 1923 gegründete Deutsche Rentenbank übernahm die Rolle einer Ersatzwährungsbank. Zu ihren Vorstandsmitgliedern gehörte auch ein Ostwestfale, Finanzrat
Dr. Hermann Kißler, geboren 1882 in Oberbehme bei Löhne (23). Er wird als ebenso konziliant wie halsstarrig beschrieben, ein echter Westfale eben.
(23) Vgl. Fiedler, „Der Landwirt als Bankdirektor,“ S. 57.
Die Rentenbankscheine, erstmalig ausgegeben am 15. November 1923, ersetzten nicht die bestehende Währung, sie waren eine gesetzliche Parallelwährung für den binnenwirtschaftlichen Zahlungsverkehr. Niemand musste die neuen Geldscheine benutzen, nur die öffentlichen Kassen waren verpflichtet, sie als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Aber das neue Geld war wertbeständig, gebunden an die Goldmark und den Tageskurs des Dollars. Die Rentenmark war als Zwischenlösung gedacht, als stabilisierende psychologische Stütze, um das Vertrauen in die deutsche Währung im In- und Ausland wieder herzustellen. Zu ihrem Erfolg mag auch beigetragen haben, dass die Bezeichnung „Rentenmark“ an die Rentenbriefe erinnerte, die im 19. Jahrhundert zur Ablösung bäuerlicher Grundschulden eingeführt worden waren und sich als eine der sichersten Kapitaleinlagen einer hohen Wertschätzung erfreut hatten (24).
(24) Vgl. Fiedler, „Der Landwirt als Bankdirektor,“ S. 63; Pfleiderer, Die Reichsbank in der Zeit der großen Inflation, S. 186ff.
Die Rentenmark gelangte auf verschiedenen Wegen in Umlauf. Beamte, Angestellte und Arbeiter des Reiches, der Länder und der Kommunen erhielten seit dem 15. November 1923 einen Teil ihrer Bezüge in Rentenmark ausbezahlt. Außerdem tauschte die Reichsbank Papiermark in Rentenmark um, ein Angebot, das in der Bevölkerung auf lebhaftes Interesse stieß, und vergab Kredite an Unternehmen fortan nur noch in Rentenmark.
Auch die Phase der Notgeldemissionen näherte sich ihrem Ende. Um „das derzeitig in Umlauf befindliche Notgeld, das auf Papiermark lautete, zurückzukaufen“, gab die Stadt Herford Ende November 1923 wertbeständiges Notgeld im Wert von 15.000 Goldmark heraus. Die vier Geldscheine entsprachen einem Gegenwert von jeweils 010, 0,25, 0,50 und einem Dollar. Insgesamt hatte allein die Stadt Herford Notgeld im Wert von mehr als 10 Billiarden Mark ausgegeben, ganz gennau 10.747.696.247.650.500 Mark (25).
(25) Bericht des Magistrats zu Herford … 1916 bis 1927, S. 260.
Am 27. Dezember 1923 gab die Kreissparkasse Herford das letzte Notgeld des Kreises Herford heraus (26).
(26) Vgl. Abelshauser, „Zur Vorbeugung der Armuth ...“, S. 144.
Am 20. November 1923, fünf Tage nach Ausgabe der ersten Rentenbankscheine, endete der freie Fall der deutschen Währung, an diesem Tag kostete ein Dollar 4,2 Billionen Mark. Am 6. Dezember verkündete das Herforder Kreisblatt bereits den „Sieg der Papiermark“ – weil der Umrechnungskurs zum Dollar seit mehr als zwei Wochen stabil war! Schließlich wurde die Papiermark im Verhältnis eins zu einer Billion abgewertet, für eine Billion Papiermark erhielt man jetzt eine Rentenmark. Die Währungsturbulenzen beruhigten sich, aber ihre Auswirkungen waren noch bis in den Herbst des Jahres 1924 hinein zu spüren (27).
(27) Vgl. Fiedler, „Der Landwirt als Bankdirektor,“ S. 63.
Fazit
Wie jede Krise kannte auch die Hyperinflation Verlierer und Gewinner. Sparer, Rentner und Inhaber von Lebensversicherungen trafen die Auswirkungen der Inflation bis ins Mark. Die – häufig bescheidenen – Vermögenswerte der „staatstragenden Mittelschicht“, die bereits durch den Kauf wertloser Kriegsanleihen zusammengeschmolzen waren, wurden nun endgültig vernichtet. Mit einem Guthaben, das vor der Inflation jahrelang angespart worden war, konnte man im Sommer 1923 vielleicht noch einen Brief frankieren. Die Herforder Stadtsparkasse verzeichnete Ende 1922 einen Bestand von 8.790 Sparbüchern mit einem Guthaben von insgesamt 146 Millionen Mark, davon blieben Ende 1923 ganze 349 Sparbücher mit 6.724 Mark übrig. Der Rest war im Strudel der Währungsturbulenzen untergegangen (28).
(28) Vgl. Voß, Herford im Inflationsjahr 1923, S. 113.
Mit dem Geld schien auch die Arbeit von Jahren entwertet worden zu sein, schienen traditionelle Werte wie Genügsamkeit, Sparsamkeit und Vorsorge ihre Gültigkeit verloren zu haben. Den damit verbundenen Orientierungsverlust und die soziale Deklassierung erlebten viele Menschen als traumatische Erfahrung, eine Erfahrung, die sich tief in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingraben sollte (29).
(29) Vgl. Craig, Deutsche Geschichte 1866 – 1945, S. 396; Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, S. 248f.
Sachwertbesitzer wurden deutlich weniger hart getroffen, da Häuser, Grundstücke und Münzsammlungen die Geldentwertung unbeschadet überstanden. Hauseigentümer, die für den Kauf ihrer Immobilie eine Hypothek aufgenommen hatten, konnten diese Schulden nun sogar problemlos ablösen. Auf der anderen Seite verlor die Herforder Kreissparkasse durch die Hyperinflation praktisch alle ihre Hypothekenforderungen (30).
(30) Vgl. Abelshauser, „Zur Vorbeugung der Armuth ...“, S. 141.
Großen, international operierenden Konzernen erleichterte die schwache Währung nicht nur die Eroberung neuer Märkte, sondern auch die Übernahme weiterer Unternehmen mit billigem Geld. Handwerksbetriebe und Kleinhändler dagegen litten unter der sinkenden Nachfrage als Folge von Arbeitslosigkeit und Unsicherheit.
Zu den großen Gewinnern der Inflation gehörte der Staat, der nun mit wertlosem Geld die immensen Kriegskosten begleichen konnte. Von den bis 1918 aufgelaufenen 160 Milliarden Mark blieben nach der Abwertung im Verhältnis eins zu einer Billion ganze 16 Pfennig übrig. „Fiskalisch gesehen,“ so hat dieses Ergebnis ein Historiker mit ätzendem Sarkasmus kommentiert, „ist der Erste Weltkrieg der billigste Krieg, der je geführt wurde“ (31).
(31) Vgl. Schulze, Weimar, S. 36.
Ausblick
Auf die Stabilisierung der Währung folgte eine konjunkturelle Belebung, die seit Anfang 1924 zu spüren war und 1925 in eine Hochkonjunktur überging. Die Industrieproduktion erhöhte sich bis 1928 um fast 50% und lag zwischen 1927 und 1929 erstmals über dem Vorkriegsniveau. Das Volkseinkommen und der Privatkonsum stiegen um 25%. Aber die Sockelarbeitslosigkeit blieb hoch, sie lag selbst während der Boomjahre bei durchschnittlich 10%. Dauerarbeitslosigkeit entwickelte sich damit zu einem Phänomen, das in Deutschland vor 1914 unbekannt gewesen war (32).
(32) Vgl. Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, S. 253ff.
Die „Roaring Twenties“ oder die „Goldenen Zwanziger“ endeten bereits 1929, als die Folgen der Weltwirtschaftskrise das Deutsche Reich erschütterten. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Jahres 1923 schreckte die Reichsregierung davor zurück, zur Finanzierung einer aktiven Konjunkturpolitik Schulden aufzunehmen (33).
(33) Vgl. Pfleiderer, Die Reichsbank in der Zeit der großen Inflation, S. 199.
Stattdessen beschritt sie bei der Konsolidierung des Haushalts den Weg einer strikten Spar- und Deflationspolitik, die den ohnehin stotternden Konjunkturmotor endgültig abwürgte. Als daraufhin, nur wenige Jahre nach dem ökonomischen Einbruch von 1923, die Arbeitslosigkeit rasant hochschnellte, verloren viele Wähler endgültig das Vertrauen in das Krisenmanagement des demokratischen Systems. Die desaströsen Folgen dieses Vertrauensverlusts sind bekannt.
Quellen und Literatur:
- Werner Abelshauser, „Zur Vorbeugung der Armuth ...“ Der Kreis Herford im Spiegel seiner Sparkasse 1846 – 1996. Stuttgart 1996.
- Bericht des Magistrats zu Herford über die Verwaltung und den Stand der Gemeinde-Angelegenheiten in der Zeit vom 1. April 1916 bis 31. März 1927.
- Peter Borscheid, Vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg (1914 – 1945), in: Wilhelm Kohl (Hg.), Westfälische Geschichte, Bd. 3: Das 19. und das 20. Jahrhundert: Wirtschaft und Gesellschaft, Düsseldorf 1983, S. 313 – 438.
- Gordon A. Craig, Deutsche Geschichte 1866 – 1945, München 1993.
- Martin Fiedler, „Der Landwirt als Bankdirektor.“ Eine Erinnerung an die Rentenmark und an Hermann Kißler. In: Historisches Jahrbuch für den Kreis Herford 1999, S. 57 – 72.
- Heinz Haller, Die Rolle der Staatsfinanzen für den Inflationsprozess, in: Deutsche Bundesbank (Hg.), Währung und Wirtschaft in Deutschland 1876 – 1975, Frankfurt/ Main 1976, S. 115 – 155.
- Herforder Kreisblatt Jg. 1923.
- Gerd Hohorst, Jürgen Kocka, Gerhard A. Ritter, Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch II: Materialien zur Statistik des Kaiserreichs 1870 – 1914, München 1978.
- Wolfgang Knackstedt, Chronik des Kreises Herford, Herford 1983.
- Rainer Pape, Sancta Herfordia. Geschichte Herfords von den Anfängen bis zur Gegenwart. Herford 1979.
- Otto Pfleiderer, Die Reichsbank in der Zeit der großen Inflation, die Stabilisierung der Mark und die Aufwertung der Kapitalforderungen, in: Deutsche Bundesbank (Hg.), Währung und Wirtschaft in Deutschland 1876 – 1975, Frankfurt/ Main 1976, S. 157 – 201.
- Günther Voß, Herford im Inflationsjahr 1923, in: Freie und Hansestadt Herford 3 (1985), S. 97 – 113.
- Hagen Schulze, Weimar - Deutschland 1917 – 1933, Berlin 1982.
- Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4: 1914 – 1949, München 2003.
- Der Weltkrieg 1914 bis 1918, bearbeitet im Reichsarchiv, Kriegsrüstung und Kriegswirtschaft, Erster Band: Die militärische, wirtschaftliche und finanzielle Rüstung Deutschlands von der Reichsgründung bis zum Ausbruch des Weltkrieges, Berlin 1930.











